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Annette Bräunlein
Markt mit großem Wachstumspotenzial

BESCHÄFTIGUNG Der Umweltbereich könnte in den kommenden Jahren andere Spitzenbranchen einholen - oder gar überholen

25 Prozent mehr Stellenangebote im ersten Vierteljahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr, die meisten Jobs unbefristet, auch für unerfahrenes Personal offen - und das in Zeiten der schwersten Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Während in den meisten Bereichen Stellen abgebaut werden, wächst eine Branche nahezu unbeirrt weiter: die Umwelttechnologie. Nicht nur der Sektor der erneuerbaren Energien, auf den sich diese Angaben des Wissenschaftsladens Bonn, Herausgeber von Überblicksdiensten für Stellenangebote, beziehen, sondern die gesamte Umwelt-Branche ist zum bedeutenden Wirtschafts- und damit Beschäftigungsfaktor geworden. "Die Öko-Branche entwickelt sich zur Leitbranche in Deutschland. Ein Job-Motor ist sie schon heute", sagt Torsten Henzelmann, Autor des "Greentech-Atlas 2.0", den die Unternehmensberatung Roland Berger für das Bundesumweltministerium angefertigt hat. Untersucht wurden neben den erneuerbaren Energien unter anderem die Bereiche Energieeffizienz, nachhaltige Mobilität sowie Abfall- und Kreislaufwirtschaft. Auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wirbt im Wahlkampf mit grünen Jobs. In seinem "Deutschlandplan" verspricht er die Schaffung von zwei Millionen Arbeitsplätzen im Umweltbereich.

Zahlenspiele

Momentan ist die genaue Zahl der Beschäftigten im Umweltsektor aber schwierig zu ermitteln, da es viele Überschneidungen mit anderen Branchen gibt. Eine Untersuchung des Umweltbundesamts zählte im Jahr 2006 etwa 1,8 Millionen Menschen, die in der deutschen Greentech-Branche arbeiten. Das entspricht 4,5 Prozent aller Erwerbstätigen. Zwei Jahre zuvor waren es 3,8 Prozent.

Damit spielt die Umwelttechnologie bezogen auf die Beschäftigtenzahlen in einer Liga mit den beiden bisherigen Spitzenbranchen, der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Zwar ist wegen der Branchen-Überschneidungen nicht eindeutig zu klären, wer aktuell vorne liegt; für Torsten Henzelmann aber steht fest: "Im Jahr 2020 wird die Branche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie."

Kein Wunder angesichts der Zuwachsraten bei den Jobs in der Greentech-Branche: Zwischen 2004 und 2006 stieg die Zahl der Stellen jährlich um 15 Prozent, zwischen 2008 und 2009 rechnen die Unternehmen sogar mit einem Mitarbeiterzuwachs von 19 Prozent. Dieser Hunger nach Arbeitskräften ist allerdings bereits heute schwer zu stillen. Das sieht Henzelmann als größtes Problem der Branche: "Die Unternehmen beklagen schon heute einen Fachkräftemangel und unzureichende Weiterbildungsprogramme." Trotz spezifischer umwelttechnischer Studiengänge, Weiterbildungsmaßnahmen und betriebsinterner Aus- und Weiterbildung droht sich der Fachkräftemangel in der Greentech-Branche weiter zu verschärfen. Dabei ist die Auswahl an Berufen in der Umweltbranche groß und wächst ständig weiter. Neben dem klassischen Umwelttechniker und Biobauern umfasst sie so unterschiedliche Berufe wie Öko-Architekt, Energieberater, Umweltbanker und Solardesigner. Ein weiterer positiver Effekt des deutschen Umwelt-Booms: Davon profitieren Ost- und Westdeutschland. Der Greentech-Atlas prognostiziert das durchschnittliche zukünftige Wachstum der Unternehmen aus den neuen Bundesländern um drei Prozentpunkte höher als in den alten Bundesländern. "Umwelttechnologie hat sich ganz klar zu einem Jobmotor für Ostdeutschland entwickelt", erläutert Henzelmann.

Die IG Metall ist hier allerdings kritisch.Angelika Thomas, Ressortleiterin Technologie und Umwelt, betont, dass sie die Entwicklung der Greentech-Branche zwar grundsätzlich positiv sehe, nicht aber die teilweise sehr niedrigen Löhne, langen Schichten und fehlenden Mitbestimmungsstrukturen vor allem in der ostdeutschen Solarindustrie. "Wenn hier saubere und nachhaltige Technologie produziert wird, muss auch die soziale Nachhaltigkeit stimmen", fordert sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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