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Rolf Schraa
Aufbruch statt Abbruch

STRUKTURWANDEL Die frühere Bergbaustadt Herten setzt auf sanfte Energie aus Wasserstoff

Andre Meichle löst die Handbremse und setzt sich auf das silbern lackierte Lasten-Dreirad mit dem Telekom-Schriftzug. Der 27-Jährige tritt leicht an und dreht zugleich den Gasgriff am Lenker auf. Lautlos schiebt das schwere Rad mit bis zu 150 Kilogramm Zuladung los und beschleunigt -getrieben von einer 200-Watt-Brennstoffzelle und 120 Gramm Wasserstoff. Zukunftstechnik, die das Experimentierstadium lange hinter sich hat, schafft im einstigen Kohle- und Stahlrevier im Ruhrgebiet neue Arbeitsplätze. In Herten, der einst größten Bergbaustadt Europas zwischen Dortmund und Gelsenkirchen, lässt sich das exemplarisch beobachten. Die traditionsreiche Hertener Zeche Ewald ist nach 130 Jahren Steinkohleabbau seit dem jahr 2000 geschlossen. Wo einst bis zu 5.000 Kumpel schufteten, bauen die Hertener jetzt auf dem mehr als 50 Hektar großen Zechengelände eine patentgeschützte 42 Meter hohe Biogasanlage. Sie soll vom kommenden Sommer an nach einer bundesweit in diesem Umfang einmaligen Technik aus am Straßenrand gewonnenem Grünschnitt Strom und Wasserstoff produzieren.

In der Stadt verkehren Wasserstoffbusse, die auf dem Zechengelände Wasserstoff tanken, und Meichles Firma Masterflex schraubt für Großkunden wie die Telekom jährlich schon 50 der rund 10.000 Euro teuren Wasserstoff-Lastenfahrräder zusammen. Eingesetzt werden sollen sie in Berlin und auf Nordseeinseln.

Eine leichtere und nur etwa 3.500 Euro teure Version könnte in Innenstädten für viele Familien den Zweitwagen ersetzen, sagt der Hertener Masterflex-Geschäftsführer Stefan Schulte: "Wir rechnen mit mehreren tausend Fahrzeugen Absatz pro Jahr innerhalb von fünf bis zehn Jahren." Die Zahl der Jobs werde sich dann von derzeit zehn mehr als verdoppeln.

Silicon Valley des Ruhrgebiets

In diesem Herbst steht die Eröffnung eines Wasserstoff-Anwenderzentrums auf dem Zechengelände mit rund 35 Stellen an. Dort werden etwa der US-Brennstoffzellenhersteller Ida-Tech und das Münchner Unternehmen Proton angesiedelt, das unter anderem Hybrid-Gabelstapler anbietet. "Wir wollen das Silicon Valley der Wasserstofftechnik werden", sagt Hertens Stadtbaurat Volker Lindner (SPD) selbstbewusst.

Wenn die Biogasanlage "Blauer Turm" vom Sommer 2010 an neben der Stromlieferung für etwa 12.000 Haushalte Wasserstoff produziert, decke die Ruhrgebietsstadt nämlich als erster Standort die gesamte Wasserstoff-Prozesskette ab - von der umweltneutralen Produktion über die Tankstelle für Fahrräder und Busse bis hin zur Forschung an Brennstoffzellen. 15 Kilogramm Wasserstoff soll die Anlage pro Stunde herstellen - ein Drittel des täglichen Energiebedarfes für einen großen Gelenkbus und das mit einem Grundstoff, der außer den Sammel- und Lagerkosten umsonst ist. "Wir sind die Wasserstoffstadt", sagt der Sozialdemokrat stolz. Das bringt zwar noch nicht die vielen tausend Kohlejobs zurück, die in Herten weggefallen sind, aber gibt neues Selbstbewusstsein für die gebeutelte Stadt.

Selbstbewusstsein, das Herten dringend nötig hat. Als die denkmalgeschützten Fördertürme der Zeche im Frühjahr 2000 endgültig stillgelegt wurden, verlor die Stadt allein auf Ewald 3.700 Jobs. In der 65.000-Einwohner-Stadt schien sich die Spirale aus Arbeitslosigkeit, leeren Kassen, fehlender Attraktivität und Bevölkerungsverlust unaufhaltsam zu drehen. Die Stadt schrumpfte besorgniserregend. 2002 gab es in ganz Herten nur noch 12.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Das Landesamt für Statistik prognostizierte der Stadt einen Absturz der Bevölkerung um mehr als 15 Prozent bis 2020. Jetzt schwärmte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) im März bei der Grundsteinlegung für das Anwenderzentrum von einem "zukunftsweisenden Projekt" und einem "neuen Aufbruch des Ruhrgebiets". Das Land beteiligt sich mit rund sieben Millionen Euro am Blauen Turm, der direkt neben der Autobahn aufgebaut und mit blauen Lochplatten verkleidet auch äußerlich ein klares Zeichen für die neue Ausrichtung des Zechenstandortes setzen soll. Die Mehrheit an dem Projekt wird zur Freude der öffentlichen Wirtschaftsförderer privat finanziert: Der Erlanger Solar-Kraftwerk-Hersteller Solar-Millennium hat drei Viertel der Projektgesellschaft für das 26 Millionen Euro teure Projekt übernommen.

Die Anlage löst nämlich zugleich ein Grundsatzproblem der Solarbranche: die Abhängigkeit von der Sonnenscheindauer. Solar-Millennium möchte mit Hilfe der blauen Technik auch nachts, wenn die Sonnenkraftwerke keine Energie liefern, umweltfreundlichen Strom produzieren.

Außerdem eignet sich Wasserstoff selbst als Speichermedium. So können beispielsweise die 1,3 Megawatt Strom des Windrades, das sich schon seit vielen Jahren auf der Hertener Zechenhalde dreht, in Wasserstoff umgewandelt werden. Aus diesem Wasserstoff lässt sich dann Strom machen, wann immer man ihn braucht, sagt Lindner. Die dafür nötige Technik, die sogenannte Windstromelektrolyse, wird mit 2,7 Millionen Euro von der öffentlichen Hand gefördert und im Anwenderzentrum für alle Unternehmen am Standort angeboten.

Neues Aushängeschild

Dass noch so perfekte Hightech die Strukturprobleme des Ruhrgebiets nicht allein lösen kann, ist dabei allen Beteiligten klar. Immerhin sind in der Region seit den Kohle-Hochzeiten Ende der 50er Jahre im Steinkohlebergbau rund 600.000 Stellen weggefallen. "Hightech kann das Ruhrgebiet nicht retten. Das ist ein Sahnehäubchen", sagt der Vorstandschef der Ruhrkohle-Tochter RAG Montan Immobilien, Hans-Peter Noll. Aber es lockt als technologisches Aushängeschild weitere Investitionen und Spitzenfirmen an.

Auch die Politik schmückt sich gern mit erfolgreichem Strukturwandel: Als SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier vor kurzem zum Auftakt seiner Wahlkampf-Sommerreise nach Herten kam, verbreiteten alle Nachrichtenkanäle das Lob der Wasserstoffstadt. So werden aus zweistelligen Jobzahlen bald dreistellige und dann eine neue Zukunft, hoffen die Wirtschaftsförderer. Die Stadt kalkuliert derzeit mit 300 neuen Stellen rund um die Wasserstofftechnik bis zum Jahr 2015. Weitere 600 könnten hinzu kommen, wenn sich etwa andere Firmen der erneuerbaren Energie, des Maschinenbaus, der Regeltechnik oder Dienstleister dazu ansiedelten.

Außerdem arbeiten längst traditionelle Gewerbebetriebe im bunten Mix auf dem Zechengelände. Dabei reicht die Palette von einem mittelständischen Bauunternehmen über Sanitär- und Softwarebetriebe bis zur Kochschule eines früheren Sternekochs. Ende Oktober eröffnet auf Ewald sogar ein Revue-Theater. "Freizeitangebote für die Stadt gehören dazu. Der Standort muss auch abends leben", sagt Noll.

Neue Freizeitangebote

RAG-Mann Noll kommt als Herner ganz aus der Nähe und ist zugleich oberster Immobilienverwalter des alten Kohlekonzerns in der ganzen Region und im Saarland. Er muss unzählige alte Zechen- und Betriebsgelände sanieren und in moderne Industriestandorte umwandeln und ist dabei für rund 130 Quadratkilometer Fläche verantwortlich - dreieinhalb mal so viel wie das Stadtgebiet von Herten. Bei den Projekten setzt er neben Gewerbe, Freizeit und Wohnen immer stärker auf erneuerbare Energien. So will Noll die ehemalige Zeche Hugo an der Gelsenkirchen Stadtgrenze direkt neben Ewald in einen 28 Hektar großen Biomassepark mit schnell wachsenden Bäumen wie Pappeln und Weiden verwandeln.

Auf Ewald haben sich die Investitionen der RAG von 20 Millionen Euro für die Sanierung und Aufbereitung des Zechengeländes schon gelohnt. "Rund drei Viertel des Geländes sind vermarktet, es arbeiten schon wieder mehr als 1.000 Leute da - und wir verdienen mit dem Standort unter dem Strich Geld", sagt Noll. Sein Herz hängt am Bergbau: Sein Vater, sein Onkel und der Opa haben auf Ewald gearbeitet. Er selbst war als "Beflissener" (Praktikant) auf der Zeche - um dann doch nicht Bergbau, sondern Geografie zu studieren und schließlich oberster Ewald-Abwickler zu werden. Seitdem hat Noll einen Traum: "Mein Sohn studiert Kommunikationswissenschaften in Wien", erzählt er. "Wenn der Junge mit einem guten Job bei einer Firma, vielleicht als Öffentlichkeitsarbeiter, auf die alte Zeche zurückkommen könnte - dann würde sich ein Kreis schließen."

Der Autor ist leitender Redakteur

der dpa in Essen.

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