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Gemma Pörzgen
Nichts Neues aus den Hinterhöfen Europas

BALKAN Olaf Ihlau und Walter Mayr bieten wenig mehr als einen Blick aus der Vogelperspektive

Wenn Journalisten sich dem Balkan widmen, wimmelt es häufig von Klischees. Fast immer ist vom "Pulverfass" oder vom "Unruheherd" die Rede, von Hass und Totschlag, als charakterisierten diese Attribute bis heute den Südosten Europas. Der Leser sollte es deshalb schon als Warnung verstehen, wenn ein neues Buch über die Region den Titel "Minenfeld Balkan" trägt. Da hilft es wenig, wenn die beiden Autoren Olaf Ihlau und Walter Mayr renommierte Journalisten des Magazins "Der Spiegel" sind und als Balkankenner gelten. In ihrem Buch findet sich dennoch überwiegend altbekanntes, was der interessierte Leser in den vergangenen Jahren bereits in unzähligen Reportagen lesen konnte.

Dabei stellt sich nach bald 100 Jahren schon die Frage, ob heute noch jedes Balkan-Buch mit den Schüssen auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 beginnen muss. Zu Beginn eines Jahrzehntes, in dem die Länder Südosteuropas in die Europäische Union streben, wirkt es nicht mehr zeitgemäß, die Menschen dieser Region immer nur für die Vergangenheit in die Pflicht zu nehmen. Sicherlich sind historische Kenntnisse unverzichtbar, aber sie sind keine ausreichenden Erklärungsmuster. Schon die Wahl des Begriffs "Balkan" wirkt politisch unscharf und altmodisch und hätte eine Erklärung der Autoren verdient. Die politisch neutralere Bezeichnung "Südosteuropa" oder der Terminus "Westbalkan" für Kroatien, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina, Albanien und Kosovo sind längst gebräuchlicher. Aber die Autoren nehmen es da nicht so genau, wie auch ihre Darstellung zeigt, dass außer Slowenien die Nachfolgestaaten Jugoslawiens sich wenig daran störten, dem Balkan zugerechnet zu werden. Dabei verwehren sich die meisten Kroaten ebenso wie die Slowenen vehement dagegen, als zum Balkan zugehörig zu gelten.

Alte Dämonen

Der Schreibstil der Autoren scheut keine Etikettierungen. Mit Formulierungen wie "Dämonen des Hasses" oder "innerjugoslawischer Krieg von kannibalischer Grausamkeit" werden vor allem die historischen Darstellungen ausgeschmückt. "Erst legte sich der Schatten Hitlers, danach der von Stalin über Europas Hinterhöfe", heißt es da. Auch die Darstellung des Balkan als der "Dritten Welt Europas" sagt mehr über die Einstellung der Autoren aus, als über die tatsächliche Entwicklung der Region. Eine Darstellung der wirtschaftliche Lage wird ohnehin ausgespart.

Die Einteilung der Kapitel nach einzelnen Ländern, ist nicht nur sehr konventionell, sondern vernachlässigt, wie stark die Region auch nach dem Zerfall Jugoslawiens Entwicklungen durchlebt hat, die alle miteinander zusammenhängen und aufeinander einwirken. Da einzelnen Staaten nur wenige Seiten gewidmet sind, fällt die Darstellung teilweise recht oberflächlich aus. Einzig im Kapitel über Mazedonien klingt an, wie stark der Nachbarstaat Griechenland die Weiterentwicklung des EU-Anwärters beeinflusst und beeinträchtigt. Nur vereinzelt in einigen Städteportraits scheint das auf, was gute journalistische Bücher eigentlich ausmachen sollte. So ist das Kapitel über Srebrenica sehr gelungen, das mit dem Schicksal der Muslimin Hajra Effendic beginnt, die beim dem Massaker in der ostbosnischen UN-Schutzzone ihren Ehemann und weitere Familienangehörige verlor. Diese persönliche Tragödie wird mit einer klugen Schilderung der Ereignisse während des Bosnien-Krieges verknüpft, bei der auch neue Erkenntnisse aus dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ebenso einbezogen werden wie etwa die kritische Bewertung westlicher Politik. Auch das Kapitel über Kosovo gehört zu den interessanten Abschnitten des Buches, in dem die zweifelhafte Rolle ausländischer Experten sehr anschaulich beschrieben wird.

Aber die Lust an der feinen Beobachtung, ein ungewöhnlicher Blickwinkel, eine überraschende Analyse sind leider selten. Das Buch wirkt mehr, als hätten die "Spiegel"-Kollegen alte Geschichten noch einmal recycelt und etwas aufgefrischt. Die Gesprächspartner von Ihlau und Mayr sind vor allem Politiker, Schriftsteller oder Journalisten, viel zu selten aber normale Bürger.

Schrecken des Krieges

Kein Wunder, dass von der vitalen Lebenswirklichkeit des Balkan, der Vielfalt seiner Völker und Gebräuche, seiner Kunst, Musik und Kultur, in dem Buch wenig zu spüren ist. Das ist einerseits verständlich, weil die Journalisten sich der Region vor allem in der Zeit der Balkan-Kriege ausführlich widmeten, in der das Interview mit dem US-Diplomaten Richard Holbrooke oder der persönliche Eindruck des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic noch internationale Bedeutung hatten und die Schrecken des Krieges alles andere überschatteten. Seit die Weltpolitik den Balkan verlassen zu haben scheint, ist vermutlich auch der Blick der Autoren flüchtiger geworden. Dazu passt auch, dass den Einband zwei Würdigungen ehemaliger Politiker schmücken. Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder loben das Buch als lesenswert. Ihr Blick aus der Vogelperspektive der politischen Entscheider auf die Region entspricht dem der Autoren.

Vermutlich wird es die Aufgabe einer jüngeren Generation von Journalisten sein, ein angemesseneres Bild vom Balkan zu zeichnen und sich von überholten Klischees zu verabschieden. Dieses Buch gehört noch zu einem Genre, das sich eigentlich längst überlebt haben sollte.

Olaf Ihlau, Walter Mayr:

Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas.

Siedler Verlag, München 2009; 304 S., 22,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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