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ORTSTERMIN: BEI DER JUGENDBEGEGNUNG ZUM 27. JANUAR
Sandra Schmid
»Ihr müsst über den Holocaust Bescheid wissen«

Gespannt haben sie an dem hufeisenförmigen Tisch im Sitzungssaal des Jakob-Kaiser-Hauses im Bundestag Platz genommen: 80 Jugendliche, vor allem aus Deutschland und Polen, aber auch aus Frankreich, den USA, Russland und Österreich. Als Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zusammen mit dem polnischen Historiker und Holocaust-Überlebenden Feliks Tych den Saal betritt, werden sie ganz still und erheben sich.

Am Mittag noch hatte Tych, 1929 in Warschau als Kind jüdischer Eltern geboren, neben dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag gesprochen. Nun ist er zusammen mit dem Parlamentspräsidenten ins Jakob-Kaiser-Haus gekommen, um mit den Jugendlichen zu diskutieren. Es ist ein Termin, der dem 80-Jährigen, der bis 2007 das Jüdische Historische Institut in Warschau leitete, sichtlich am Herzen liegt. Die 18- bis 24-Jährigen, die auf ein Gespräch mit ihm warten, sind Teilnehmer einer Jugendbegegnung, die der Bundestag in diesem Jahr zum 14. Mal anlässlich des Gedenktages am 27. Januar organisiert hat. Dieses Mal beschäftigt sich die fünftägige Veranstaltung mit Tychs Heimatland: "Krieg, Besatzung, Völkermord - Polen nach dem deutschen Überfall 1939 bis 1945" lautet der Titel.

Kein leichtes Thema, doch für die Jugendlichen ist die Auseinandersetzung mit der unheilvollen deutschen Geschichte nichts Ungewöhnliches. Sie alle engagieren sich in verschiedenen Initiativen, Stiftungen oder Gedenkstätten, um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Erst spät am Vorabend sind die jungen Leute aus Warschau zurückgekommen: Drei Tage haben sie in der polnischen Hauptstadt verbracht, Archive und Museen besucht, mit Zeitzeugen gesprochen. Außerdem haben sie das ehemalige Vernichtungslager Treblinka besucht. Dort wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen von den Nationalsozialisten ermordet, darunter 900.000 polnische Juden - wie die Eltern von Feliks Tych.

So vielfältig die Eindrücke, die die jungen Menschen auf ihrer Reise gewonnen haben, sind, so unterschiedlich sind auch die Fragen, die sie nun dem Zeitzeugen Tych und dem Politiker Lammert stellen: Große Fragen etwa nach Mitschuld und Verantwortung kommen zur Sprache - aber auch kleine, konkrete: So fragt eine Teilnehmerin Tych schüchtern, was für ihn persönlich heute Treblinka sei - ein Denkmal? "Für mich ist es vor allem ein Friedhof", sagt Tych. Wichtig ist den Jugendlichen vor allem auch die Frage, welche Verantwortung Deutschland heute für das Gedenken an den Holocaust trägt. Bundestagspräsident Lammert lässt keinen Zweifel aufkommen: "Erinnerungskultur ist eine Aufgabe, die der Staat nicht an die Gesellschaft abschieben kann." Wenn aber die Gesellschaft das Interesse verliere, dann könne auch der Staat dies nicht kompensieren, gibt Lammert zu bedenken. "Das eine geht nicht ohne das andere. Erinnerung ist beides - staatliche und gesellschaftliche Aufgabe."

Immer wieder melden sich die Jugendlichen in den folgenden eineinhalb Stunden zu Wort. Und Tych wird nicht müde, ihre Fragen, manchmal mit brüchiger Stimme, zu beantworten. Als die Moderatorin Gesine Schwan schließlich behutsam das Ende der Diskussion einleiten will, wehrt Tych energisch ab: "Nein, nein, lassen Sie nur, mich interessieren die Fragen dieser jungen Leute!"

So möchte dann zum Schluss eine der Jugendlichen noch wissen, was Tych von der heutigen Generation erwarte: "Was wünschen Sie sich konkret von uns?" Der Angesprochene denkt nicht lange nach - wichtig sei ihm vor allem eines: "Ihr müsst über den Holocaust Bescheid wissen." Was damals geschehen sei, dürfe nicht vergessen werden. "Und betrachtet es als Warnung!" Antisemitismus dürfe nicht geduldet werden: "Zu diesem zivilisatorischen Code müssen sich die Menschen bekennen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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