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AUFGEKEHRT
Götz Hausding
Kryptische Botschaften

Der große Lauschangriff findet statt - immer und überall. So langsam haben wir uns daran gewöhnt, dass jedes, aber auch wirklich jedes unserer Handygespräche von fiesen Schergen gehackt und mitgehört wird. Und wir haben Gegenmaßnahmen ergriffen. Weltbewegende Informationen wie "Bring doch bitte noch Milch mit" rücken wir gerade noch so raus. Aber wo der Milch-Deal stattfinden soll, wird versteckt kommuniziert. "In dem Laden, da um die Ecke, bei dem Parkplatz - Du weißt schon…" Bei dem Gedanken, dass sich nun mehrere Lauscher die Hirne verrenken, um die Frage: Netto, Lidl oder Kaisers? zu beantworten, kommt wahrhaft diebische Freude auf.

Derartig unprofessionell darf die Bundesregierung mit ihren Geheimnissen natürlich nicht umgehen. Deshalb, so heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion, habe man die Anweisung gegeben, "für die sensible mobile Kommunikation Kryptohandys zu nutzen". So weit - so gut. Aber was bitte ist ein Kryptohandy und - noch viel wichtiger - was ist eine sensible mobile Kommunikation? Bei den kryptischen Telefongeräten handelt es sich um Spezial-Handys, welche die Worte in unverständliches Rauschen zerhacken, bevor sie gesendet werden. Erst ein baugleiches Telefon am anderen Ende der Leitung fügt das Gestammel wieder zu verständlichen Tönen zusammen. 1.200 Euro je Gerät lässt sich die Regierung die ersehnte Vertraulichkeit für 5.250 Regierungsmitglieder kosten.

Zur wahrhaft sensiblen Kommunikation gehört es dabei nicht, wenn die Bundeskanzlerin im Polit-Promi-Restaurant "Borchardt" einen Tisch bestellt mit der Bitte "aber nicht in der Nähe vom Westerwelle". Wohl aber, wenn sie morgens bei Finanzminister Schäuble anruft: "Habs mir anders überlegt. Wir geben den Griechen Geld." Das sollte in jedem Falle kryptisch gesagt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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