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Kerstin Kloss
Logistik kann zum deutschen Exportschlager werden

INTERNATIONAL Auf den Märkten in Frankreich und Italien werden große Wachstumschancen gesehen

Deutsche Logistiker sind in der Krise im Vergleich mit der Konkurrenz in Frankreich und Italien glimpflich davon gekommen. Zu beiden Ländern bestehen wichtige Außenhandelsbeziehungen: An unseren dritt-größten Importpartner Frankreich gehen die meisten deutschen Exporte, Italien rangiert jeweils auf Platz fünf. Dieser Markt ist in Krisenzeiten noch härter umkämpft als sonst. "Im direkten Vergleich mit den Wettbewerbern haben wir auch im Krisenjahr 2009 unsere Rolle als Industrieführer bewiesen. Diese Position wollen wir sichern und ausbauen", zieht Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender bei Lufthansa Cargo, Bilanz. Die LH-Frachttochter flog im Vorjahresvergleich zwar ein Drittel weniger Umsatz und Verluste ein, für den französisch-niederländischen Rivalen Air France-KLM könnte es aber noch desaströser gewesen sein.

Löcher in den Bilanzen

Auch DB Schenker muss sich mit der Konkurrenz jenseits des Rheins, SNCF Geodis, messen. Gemeinsam ist den Transport- und Logistiksparten der nationalen Bahnunternehmen, dass beide ein tiefes Loch in die Bilanzen gerissen haben. "Der Druck ist überall hoch. Eine de-rartige Wirtschaftskrise, in der innerhalb einer ganz kurzen Zeit bis zu einem Viertel des Geschäfts wegfällt, und das über alle unsere Verkehrsträger Schiene, Straße, Luft- und Seefracht - das kannten wir bislang nicht", konstatiert Karl-Friedrich Rausch, Vorstand für Transport und Logistik bei DB Mobility Logistics.

Nach Deutschland und Polen ist Frankreich drittgrößter europäischer Schienentransportmarkt, die DB-Tochter Euro Cargo Rail hat dort zehn Prozent Marktanteil. "Das Unternehmen werden wir weiter stärken und damit ein durchgängiges Transportangebot von DB Schenker Rail auf dem deutsch-französischen Korridor aufbauen", sagt Rausch. Doch die SNCF, die in Frankreich die Trassenanfragen ihrer Wettbewerber bearbeitet, behindert das Wachstum. Patrice Salini, Professor an der Pariser Universität Sorbonne und Berater für Transportwirtschaft, bestätigt: "Die französische Politik hat europäischen Direktiven im Schienengüterbereich nicht vorgegriffen, sondern deren Wirkung oft abgeschwächt."

Strategisch wichtig ist der Nachbarmarkt auch für den international agierenden Logistikdienstleister Dachser. Zweitgrößte Landesgesellschaft des Allgäuer Familienunternehmens mit einem Konzernumsatz von 3,6 Milliarden Euro ist Dachser France. Zur Krise meint der Sprecher der Geschäftsführung, Bernhard Simon: "Unsere europäischen Nachbarn, beispielsweise Frankreich und Spanien, wurden früher und auch härter von den Rückgängen in den jeweiligen nationalen Logistikmärkten getroffen." Im französischen Markt sieht er "erhebliche Potenziale für Effizienzsteigerung". Immer noch würden nicht kompatible Segmente (Pakete, Stückgut, Direktpartien) miteinander vermischt, was zu Lasten einer höheren Produktivität gehe. "Meiner Ansicht nach kann sich Logistik in allen europäischen Ländern zum deutschen Ex-portschlager entwickeln", ist Simon überzeugt. In Frankreich und Italien seien Industrie und Handel gegenüber Outsourcing viel zu skeptisch.

Die französischen Logistikexperten Salini und Antoine Artous schätzen den Kontraktlogistikmarkt (Unternehmen schließen feste Verträge mit Logistikern) in Deutschland auf 10 Milliarden Euro und in Frankreich auf 6,6 Milliarden Euro. Einig sind sich die Experten, dass die Auslagerung in Italien im Vergleich zu Frankreich und Deutschland deutlich hinterherhinkt.

Südlich der Alpen beträgt die Outsourcing-Quote nur 15 bis 16 Prozent, im europäischen Schnitt 40 Prozent. Diesen Vergleich findet Fabrizio Dallari, Professor für Wirtschaftslogistik und Supply Chain Management an der Universität Carlo Cattaneo (LIUC) in Castellanza, allerdings nicht korrekt. Logistikdienstleistungen würden in Italien zu einem hohen Anteil von Kleinbetrieben nachgefragt, die auf Nischenmärkte spezialisiert seien. "Erstens kann ein Kleinbetrieb kein großes Logistikvolumen auslagern, zweitens lässt sich ein spezifischer Logistikprozess für einen Nischenmarkt nicht so leicht fremd vergeben", argumentiert er. Ein Problem sieht Dallari in der geringen Betriebsgröße der italienischen Logistiker, die eher Transporte als Mehrwertdienste wie Lagerhaltung oder Verpackungsservice anböten. Sergio Bologna, Sozialwissenschaftler und Unternehmensberater in Mailand, meint, wegen seiner vielen Mikrobetriebe mit nur ein bis zwei Lkw müsse Italien einen höheren Preis als andere Länder für die Krise bezahlen. "Man befürchtet, dass 30 Prozent der italienischen Unternehmen verschwinden werden. Für den Straßengütertransport könnte diese Voraussage noch schlimmer werden", sagt er voraus.

Krisensicher

Ähnlich beurteilen Salini und Artous für Frankreich die Lage: Wie überall auf der Welt habe sich die Kontraktlogistik als krisensicherer erwiesen als der Landverkehr, der wiederum weniger gelitten habe als die internationale Luft- und Seefracht. Vor allem in den Seehäfen spürt den Wettbewerbsdruck der seehafenorientierte Bremer Dienstleister BLG Logistics Group, der auf Automobil-, Kontrakt- und Containerlogistik spezialisiert ist. "Die Situation war 2009 für die Logistikunternehmen in Deutschland ähnlich wie in den anderen europäischen Ländern", resümiert der BLG-Vorstandsvorsitzende Detthold Aden. Global agierende Logistiker hätten unter der Krise am meisten zu leiden.

Die Autorin ist Fachredakteurin

für Internationales der

DVZ - Deutsche Logistik-Zeitung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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