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ORTSTERMIN BEIM: BUNDESWEHR-GELÖBNIS VOR DEM REICHSTAG
Kata Kottra
»Jeder Verlust ist schmerzlich«

Das Bundeswehr-Gelöbnis vor dem Reichstag ist am vergangenen Dienstagabend gerade zu Ende gegangen, da steht ein alter Herr mit schlohweißem Haar und gebeugtem Rücken noch etwas verloren vor der Zuschauertribüne. Es ist Carl-Hasso von Bredow. Sein Vater, Ferdinand von Bredow, war ein hoher Militär und wurde von den Nationalsozialisten 1934 ermordet - möglicherweise, weil er zu viel über sie wusste. Sein Sohn ist jedes Jahr als Ehrengast eingeladen, wenn die Bundeswehr am 20. Juli an das gescheiterte Hitler-Attentat von 1944 erinnert und junge Rekruten geloben, "das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Seit drei Jahren findet dieses Gelöbnis vor dem Reichstag statt - dem Ort, wo über die Einsätze der Bundeswehr als Parlamentsarmee entschieden wird. Carl-Hasso von Bredow begrüßt das: Der Platz der Republik vor dem Reichstag sei eine "eindrucksvolle Kulisse", sie biete "mehr Raum und Platz" für das Gelöbnis als der Bendlerblock, wo die Zeremonie in den Jahren zuvor abgehalten worden war.

Doch das feierliche Gelöbnis ist umstritten: In den vergangenen Jahren hatte es Proteste gegeben, deshalb ist das Gelände rund um den Reichstag erneut weiträumig abgesperrt. Auch unter den Bundestagsfraktionen ist die Veranstaltung vor dem deutschen Parlament nicht unumstritten: Während Abgeordnete von Union, FDP, SPD und den Grünen am Gelöbnis teilnehmen, kritisiert die Linksfraktion die Zeremonie vor dem Reichstag scharf: "Militäraufmärsche in der Öffentlichkeit" erinnerten an "propagandistische Mittel der Vergangenheit", schrieben die Abgeordneten Mitte Juni in einer kleinen Anfrage (17/2106). Öffentliche Proteste gegen das Gelöbnis bleiben dieses Jahr aus.

Schon vor dem Gelöbnis sammeln sich die Rekruten am Reichstag: 420 Wehrpflichtige, die beim Wachbataillon des Verteidigungsministeriums vor allem repräsentative Aufgaben übernehmen. Deshalb tragen sie Uniformen verschiedener Truppenteile: die blauen Blazer der Luftwaffe mit Barett oder - in der sommerlichen Hitze angenehmer - Matrosenuniformen mit weißen Hemden, blauen Mützen und mit flatternden Bändern.

In Dreierreihen ziehen die Rekruten am frühen Abend auf den weitläufigen Platz zwischen Reichstag und Kanzleramt. Als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ihre Reihen abschreitet, überträgt der Dokumentationssender Phoenix live. Weil der Kameramann von Phoenix rückwärts an den Reihen der Soldaten vorbeilaufen und dabei noch an der richtigen Stelle um die Ecke biegen muss, zieht Stabsfeldweber Hans-Jacob Hein den Kameramann an seinem Hosenbund in die richtige Richtung. Dann tritt zu Guttenberg ans Rednerpult, um die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 um Claus von Stauffenberg zuwürdigen. Heute stünde die Bundeswehr in der Tradition der Männer, die militärischen Widerstand gegen den Diktator geleistet haben, sagt er. Auch zu Guttenberg lobt den Ort des Gelöbnisses, da "weitreichende Einsatzentscheidungen" für die Bundeswehr vom Bundestag getroffen würden. Nach dem Minister spricht Ewald-Heinrich von Kleist als Ehrengast: Er gehört zu den letzten Überlebenden der Verschwörer um Stauffenberg und sollte Hitler ursprünglich bereits im Februar 1944 mit einer Bombe töten. Beim Gelöbnis spricht er von der Schwierigkeit, als Einzelner Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten. Auf den aktuellen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan bezogen sagt er: "Jeder Verlust ist schmerzlich. Wir wollen uns nicht daran gewöhnen." Das Leben der Soldaten sei das Wertvollste, was die Bundeswehr beschützen müsse.

Nach dem Gelöbnis trifft Dave Kirchner, 19-jähriger Rekrut des Wachbataillons, seine aus Magdeburg angereiste, sichtlich stolze Familie. Seit Anfang Juli leistet Kirchner seinen Wehrdienst ab. Seitdem hat er mit seiner Kompanie für das Gelöbnis trainiert, erzählt er. Sein Vater sagt, die Ansichten über die Bundeswehr mögen unterschiedlich sein; die Zeremonie findet er aber "sehr gelungen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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