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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Von Prinzen wachgeküsst

Entspannt wie selten hat sich die Kanzlerin in den Sommerurlaub verabschiedet, allem Koalitionsgerangel und schlechter Umfragewerte zum Trotz. Wer darin reine Ignoranz der Regentin sieht, der irrt: Merkel hat einen Plan. Statt Wandern in einem österreichischen Gebirge steht für sie in diesem Sommer das Projekt "Finde neues Unions-Führungspersonal" auf dem Plan. Nachdem ihr mit Roland Koch und Ole von Beust mittlerweile insgesamt sechs Ministerpräsidenten von der Fahne gegangen sind, wird es Zeit für unkonventionelle Methoden. Die Chefin hat erkannt: Im Inland wird das nichts. Hier ist das Reservoir an kompetenten Konservativen mit Führungsneigung einfach ausgeschöpft. Warum nicht den Blick öffnen und sich in ganz Europa oder gar der Welt umsehen? Immerhin betonte Merkel schon auf ihrer Ich-bin-dann-mal-weg-Pressekonferenz, dass ihre Leistungen im Ausland viel positiver gesehen würden als hierzulande. Und auch das deutsche DFB-Team hat gerade erst bewiesen, dass Mannschaften mit Wurzeln in aller Herren Länder überraschende Siege einfahren und vor allem Herzen erobern können.

Dabei dürfte Merkel eine ganz besondere Zielgruppe im Blick haben: den europäischen Hochadel und seinen Nachwuchs. Immerhin sind die blaublütigen Sprösslinge in aller Regel gut ausgebildet, haben beste Manieren und sind qua Geburt darauf geeicht, ihren Job zu erledigen - Thron und Zepter einfach hinzuschmeißen käme ihnen nie in den Sinn. Und da ganz sicher einige von ihnen schon lange keine Lust mehr haben, auf Omas Rücktritt oder eine gut arrangierte Hochzeit zu warten, könnte das Jobangebot aus Deutschland durchaus gelegen kommen. Und selbst wenn das neue Personal inhaltlich anfänglich weniger überzeugend wäre: Die Homestorys, die es liefern könnte, wären besser als jeder Wahlkampf. Garantiert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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