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Sandra Ketterer
Verfechterin der Erweiterung: Uta Zapf

Die Halskette mit den plakettenartigen Rosetten erinnert Uta Zapf noch heute an ihre dramatischste Dienstreise. Und an den größten Fettnapf, in den sie jemals getreten ist. 1993 reiste sie auf Einladung von Kurden in den Irak. 60 Peschmerga, irakisch-kurdische Kämpfer, empfingen sie und ihre Kollegen an der Grenze zur Türkei. Weiter ging es im Konvoi, einen Soldaten mit Maschinengewehr im Auto und einen Pritschenwagen mit 40 bewaffneten Männern vor sich. Begeistert von exotischem Schmuck, fragte sie ihren Begleiter, ob eine kurze Stippvisite auf einem Basar möglich wäre. "Hinterher habe ich erfahren, dass sie in der Nacht vor dem Besuch den Basar räumen mussten und am Tag 120 Kräfte nur für meine Sicherheit auf dem Markt abgestellt waren", erzählt Zapf. "Das war mir so peinlich, das hätte ich doch merken müssen, was für Umstände ich den Menschen bereite." Passiert ist ihr auf der Reise aber nichts.

Heute ist Uta Zapf stellvertretende außenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Vorsitzende des Unterausschusses Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung und engagiert sich für südosteuropäische Länder, aber auch für die Türkei. Es sind Kurden gewesen, die ihre politische Arbeit früh beeinflussten. Seit 1972 Mitglied der Sozialdemokraten in Offenbach, engagierte sie sich zunächst vor allem für Frauen- und Sozialpolitik. Eines Tages versuchten einige Kurden, das Haus der SPD zu besetzen. "Wir sind ins Gespräch gekommen und ich habe sie überzeugt, dass eine gemeinsame Pressekonferenz mehr Aufmerksamkeit für ihre Lage bringen würde", sagt Zapf. Danach habe sie sich intensiv mit dieser Volksgruppe, später auch mit den türkischen Mitbürgern, auseinandergesetzt.

Im Bundestag war sie zunächst acht Jahre Mitglied des Verteidigungsausschusses, 1999 wechselte sie in den Auswärtigen Ausschuss. Von Anfang an setzte sie sich für einen Beitritt der Türkei zur EU ein: "Die Türkei ist Mitglied der Nato und bemüht sich seit den 1960ern, sich der EU anzunähern." Eine "privilegierte Partnerschaft", wie sie CDU und CSU anböten, hält sie "für eine Frechheit". Die Europäische Union brauche das Land als "Vermittler regionaler Stabilität", argumentiert Zapf.

Den Beitrittsprozess für andere Anwärter fortzusetzen, hält sie ebenfalls für notwendig. Gerade weil die Lage in den Ländern nicht stabil sei. In Albanien gebe es eine Demokratiekrise, in Mazedonien seien die Konflikte zwischen den Volksgruppen nicht beigelegt. Dies stelle auch eine Gefahr für Europa dar. "Wir sind eigentlich dazu verdammt, die Beitrittsprozesse beizubehalten, denn sie geben positive Impulse für die Kandidaten", meint Zapf. Wenn es der EU an Kraft oder Geld fehle, könne sie die Verfahren aber verlangsamen.

Neben ihrer parlamentarischen Arbeit engagiert sich die 60-Jährige unter anderem in der 1952 gegründeten Südosteuropa-Gesellschaft. Sie sieht sich als Mittlerorganisation der Auswärtigen Kulturpolitik und veranstaltet zum Beispiel Konferenzen und Vorträge über das Verhältnis von Ungarn und Slowenien oder Probleme der Zivilgesellschaft in Mazedonien. Außerdem ist Zapf Mitglied einer Weißrussland-Arbeitsgruppe der Parlamentarier-Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). "Mein Großvater hat zeitweilig in Weißrussland gelebt", begründet sie ihr Interesse an dieser Arbeit. Inzwischen hätten sie es geschafft, Verwaltung, Politik und Opposition an einen Tisch zu bekommen, etwa zu einem Seminar über die neuen und sehr restriktiven Mediengesetze in Weißrussland. Die Schritte, die sie machten, seien klein, denn "der Machtapparat ist versteinert und die Opposition ein heillos zerstrittener Haufen - aber die Hoffnung soll man nie aufgeben", erklärt Zapf überzeugt.

Vielleicht entwickelt sich aus dieser Arbeit einmal so viel wie zu Beginn ihrer Arbeit aus der Auseinandersetzung mit den kurdischen Migranten. Daraus seien sogar einige Freundschaften entstanden. Und ihr Mann, ein Musiker, tritt öfter mit türkischen Kollegen auf. Inzwischen ist Uta Zapf ein richtiger Fan der Mischung aus klassischer und türkischer Musik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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