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Sandra Schmid
Krisenbewältigerin mit langem Atem: Bärbel Kofler

Morgens um acht Uhr im Bundestag: Erst in einer Stunde beginnt die Plenardebatte, dennoch herrscht bereits geschäftiges Treiben. Saaldiener sind auf dem Weg ins Plenum, Techniker überprüfen Mikrofone, Abgeordnete treffen sich im Restaurant auf ein schnelles Frühstück. Auch Bärbel Kofler hat sich in ihrem weichen, bayerischen Dialekt Kaffee bestellt, lässt ihn aber fast kalt werden. Zu sehr ist die stellvertretende entwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion auf das Gespräch konzentriert. Etwas nebenbei abzuhandeln, ist nicht die Art der 43-Jährigen. Vielmehr setzt sie auf Engagement und beweist dabei langen Atem.

Eigenschaften, die sie für ihre politische Arbeit gut gebrauchen kann. Seit fünf Jahren ist Kofler Mitglied im Bundestagsausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dem Kampf gegen Hunger, Armut und weltweite Krisen gilt seitdem ihr voller Einsatz. Es ist einer, den man nicht ohne Ausdauer bewältigen kann - und ebenso wenig ohne den Willen zur Veränderung.

Den spürte Kofler schon früh: Geboren in "kleinen Verhältnissen" in Freilassing, lernte die Tochter eines gewerkschaftlich engagierten Eisenbahners schnell, dass man selbst die Dinge in die Hand nehmen muss, um sie zu ändern. Im Alter von 19 Jahren beschloss sie, unglücklich im Beruf der Bankkauffrau, die Fachhochschulreife nachzuholen und zu studieren. "Mein Schlüsselerlebnis in der Bank hatte ich, als nach Dienstschluss die Frauen wie selbstverständlich dablieben und bei einer Veranstaltung servierten, während die Männer nach Hause gingen", erzählt Kofler. "Das lässt sich nur vermeiden, dachte ich damals, wenn ich eine andere Position kriege." Ihr Weg zu diesem Ziel: Bildung.

Zunächst studierte Kofler in Rosenheim Informatik, merkte aber, dass ihre Faszination für Technik nicht ausreichte, um bis spät nachts "mit viereckigen Augen vor dem Computer zu hocken". Sie schloss dennoch die Fachhochschule mit Diplom ab, schrieb sich aber umgehend an der Universität Salzburg für Linguistik, Slawistik und Romanistik ein. 1998 beendete Kofler ihre Promotion und arbeitete anschließend als Sprachlehrerin und Dozentin, unter anderem zwei Jahre lang in Moskau als Lektorin für den Deutschen Akademischen Auslandsdienst.

Politisch wollte sie ebenfalls etwas bewegen: "Nur über Politik meckern reicht nicht", fand Kofler und trat 1991 in die SPD ein. Vor allem die Themen Bildung und Gleichstellung trieben sie an. Letzteres auch aus eigener Erfahrung: "Selbst bei meiner ersten Kandidatur für den Bundestag wurde ich noch gefragt, ob ich das als Frau könne!" Kofler war 1998 die erste Kandidatin überhaupt, die die SPD im Wahlkreis Traunstein für eine Bundestagswahl aufstellte. Sie scheiterte damals deutlich (25,4 Prozent - Peter Ramsauer (CSU) holte 60,1 Prozent). 2002 wurde sie in den Stadtrat von Bad Reichenhall und in den Kreistag Berchtesgadener Land gewählt, dem sie bis heute angehört. 2004 zog sie schließlich als Nachrückerin für den verstorbenen Hans Büttner in den Bundestag ein.

Hier ist es bis heute insbesondere der Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, der sie interessiert. "Entwicklungspolitik ist für mich in erster Linie Strukturpolitik: Ob im Gesundheitssystem, in der sozialen Sicherung oder auch in der Steuerverwaltung - es geht nicht ohne Strukturen, wenn man etwas nachhaltig verändern will." Das gelte gerade auch für das Problem der Wüstenbildung, das nach Ansicht Koflers noch immer nicht die notwendige öffentliche Aufmerksamkeit erfährt: "Der Umgang mit den Folgen des Klimawandels, die Auswirkungen auf landwirtschaftliche Anbaustrukturen, Fragen der Wasserversorgung - das Thema hat so viele Aspekte."

Bewässerungsprojekte, wie sie mit deutscher Hilfe etwa in Indien oder Paraguay realisiert würden, findet Kofler sinnvoll. Doch könnten sie das Problem der Verwüstung nicht lösen. "Was wir wirklich brauchen, ist eine nachhaltige Klima- und Umweltpolitik." Weil sie auch da etwas erreichen will, hat sie ihr Arbeitsfeld sinnvoll erweitert: Seit der Bundestagswahl 2009 ist Kofler auch Mitglied im Umweltausschuss.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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