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Jérôme Cholet
Milliarden für den Anti-Wüstenkampf

ENTWICKLUNGSHILFE Lokale Initiativen, weltweite Partnerschaften - kaum ein anderes Land engagiert sich so stark gegen Desertifikation wie Deutschland

Etwa 80 Menschen sitzen auf dem Dorfplatz von Santiago Rodríguez im Osten der Dominikanischen Republik und diskutieren. Es geht hoch her, die Stimmen überschlagen sich. Vor allem die Frauen beteiligen sich rege. Es geht um Öfen, um Brennholz und Wasserbecken. Auch Vertreter der Ministerien und der Gemeinden sind dabei.

In der Dominikanischen Republik sind etwa 40 Prozent der Böden durch Entwaldung und nicht angepasste Bewirtschaftung zerstört. Jedes Jahr kommt es zu Überschwemmungen, weil die Erde die tropischen Regenmassen nicht mehr aufnehmen kann. Hänge rutschen ab, Dörfer werden unter den Schlammmassen begraben. Das Trinkwasser wird knapp, Dürren drohen.

Unter Anleitung der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) beraten die Dominikaner daher ein Aktionsprogramm zur Desertifikationsbekämpfung. "Wir mussten die verschiedenen Ministerien der Inselrepublik vernetzen, Experten befragen und eine Bestandsaufnahme machen", erläutert GTZ-Mitarbeiterin Levke Sörensen. So habe die Organisation erst einmal den Zustand der Böden, der Vegetation und des Klimas sowie die Lebensbedingungen der Menschen erfasst, um dann gezielt Maßnahmen zur Eindämmung der vielen miteinander verwobenen Probleme zu erarbeiten. Die Menschen dürfe man dabei "nicht aus dem Auge verlieren", sagt sie. Kleinbauern und Farmer spielten eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Wüste.

Auch die Bundestagsabgeordnete Christiane Ratjen-Damerau (FDP), die im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sitzt, betont, dass es bei der Hilfe eben nicht bloß darum gehe, Geld zu schicken, sondern darum, "die Betroffenen im Sinne einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe zu unterstützen."

Wichtiger Geldgeber

Neben Afrika und Zentralasien bilden Zentralamerika und die Karibik Schwerpunktregionen der deutschen Desertifikationsbekämpfung. Ihr Auftraggeber, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), gehört zu den zentralen Akteuren beim Erhalt fruchtbarer Böden weltweit. "Wüstenbekämpfung war schon immer ein deutscher Fokus", sagt die SPD-Abgeordnete Bärbel Kofler. "Da gibt es wahnsinnig viele Anknüpfungspunkte, wie den Klimawandel, Landwirtschaft und Wasserversorgung."

Der aktuelle Nationalbericht aus dem Jahr 2006 zur Umsetzung der Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation (UNCCD) nennt erstaunliche Zahlen: Allein 2005 haben staatliche Entwicklungszusammenarbeit und Nichtregierungsorganisationen 679 Projekte und Programme mit einem Gesamtvolumen von 1,83 Millarden Euro gefördert - Erosionsschutz- und Aufforstungsprojekte, ländliche Bildungsprogramme und lokale Selbsthilfegruppen, Initiativen für Weidemanagement und vieles mehr. Damit gehört die Bundesrepublik zu den drei wichtigsten Geldgebern der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Insgesamt engagieren sich in Deutschland neben der GTZ auch die Entwicklungsbank der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) gegen Wüstenbildung. Allein die Entwicklungsbank hat in den vergangenen vier Jahren 45 Verträge abgeschlossen, die der Desertifikationsbekämpfung dienen. Die Summe der in diesen Projekten zugesagten Mittel beläuft sich auf 156 Millionen Euro. Den Schwerpunkt bilden Afrika und Asien, auch an der Großen Grünen Mauer in China (siehe Seite 7) ist die KfW beteiligt.

Mit den genannten Mitteln leistet Deutschland seinen Beitrag zur Umsetzung der UN-Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation, welche die Bundesrepublik 1994 unterzeichnet hat. Das UNCCD-Sekretariat in Bonn (siehe Text rechts) koordiniert die zahlreichen regionalen und nationalstaatlichen Aktionsprogramme und wird von der Bundesregierung mit rund 636.000 Euro im Jahr unterstützt, was etwa neun Prozent des Gesamtbudgets entspricht.

Für Heike Hänsel (Die Linke) ein richtiges und wichtiges Engagement. Schließlich, so sagt die Bundestagsabgeordnete, habe der Norden "einen großen Anteil am Klimawandel, der zur Ausbreitung der Wüsten beiträgt und unter dessen Folgen die Menschen im Süden leiden". Sie mahnt unter anderem Agrarreformen an: "Importfluten im Zuge von Handelsliberalisierungen und eine massiv auf Export orientierte Plantagenwirtschaft haben wesentlich zur Degradierung von fruchtbaren Böden beigetragen", meint die Abgeordnete. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit müsse auf Agrarreformen drängen, mit dem Ziel, die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern und "sozial und ökologisch angepasste Technologien zur Produktivitätssteigerung weiterzuentwickeln".

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verfolgt insgesamt einen regionalen Ansatz. Für jedes Land gibt es eigene Programme, denn die Probleme sind oft sehr verschieden. Während in der Dominikanischen Republik beispielsweise etwa ein Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, sind es im benachbarten Haiti, wo die Wüstenbildung ebenfalls zunimmt, mehr als 80 Prozent. Flüchtlingsbewegungen und Schmuggel führen immer wieder zu Spannungen zwischen beiden Ländern, besonders in der Grenzregion werden die Ressourcen unkontrolliert zerstört. Die GTZ hat sich daher für binationale Arbeitsgruppen eingesetzt. "Wenn die Menschen keine Lebensgrundlage mehr haben, drückt sich das am Ende in Migrationsströmen in Richtung Norden aus", warnt der frühere Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). "Besser ist es, den Menschen vor Ort beim Erhalt ihrer natürlichen Lebensgrundlagen zu helfen."

Dabei handelt Deutschland aber nicht im Alleingang. "In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit agieren wir im Rahmen internationaler Strategien und Programme, die zum Beispiel von der Europäischen Union und der Weltbank getragen werden", sagt der CDU-Abgeordnete Hartwig Fischer. Die EU unterstützt nationale und regionale Projekte und stellt für die Desertifikationsbekämpfung im Rahmen des Themenprogramms Umwelt und Naturressourcen 2007 bis 2010 18 Millionen Euro zur Verfügung. Damit unterstützt sie die UNCCD, aber auch Nichtregierungsorganisationen. Die afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten erhalten etwa 20 Millionen Euro für lokale Initiativen - darunter auch für das Projekt des Grünen Sahara-Gürtels (siehe Seite 10). Die Länder südlich der Sahara sind von der Desertifikation stark betroffen und arbeiten mit der EU auf diesem Gebiet eng zusammen.

Die deutsche Entwicklungspolitik setzt inhaltlich stark auf die Förderung von Frauen. "Bei der Eindämmung von Desertifikation spielen Frauen eine zentrale Rolle", sagt die Liberale Ratjen-Damerau: "Sie sind Motor und Garant für die soziale Situation der Familie in den Entwicklungsländern und leisten die Hauptarbeit in den Familien." Oft entscheiden Frauen, wie mit dem örtlichen Brunnen umgegangen, wo Brennholz geschlagen oder das Vieh hingetrieben wird. "Aber ihr Zugang zu den natürlichen Ressourcen in vielen Regionen ist nach wie vor eingeschränkt", kritisiert Levke Sörensen.

Großer Erfahrungsschatz

Im dominikanischen Santiago Rodríguez wurden bereits neue Öfen gebaut, die deutlich weniger Brennholz verbrauchen. Auf tausenden Häusern wurden Auffangbecken installiert, die Regenwasser sammeln. Und das Thema Desertifikation wurde an den Schulen in die Lehrpläne aufgenommen. Die GTZ konnte die Lage der Menschen in der Stadt so nachhaltig verbessern - und hat mit den Pilotprojekten zudem wichtige Erkenntnisse gewonnen. Die wird sie an das UNCCD-Sekretariat weitergeben, damit sie künftig auch in anderen betroffenen Ländern angewendet werden können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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