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Michaela Ludwig
Mit »Desert Net« weltweit gegen den Vormarsch der Wüsten

KOOPERATION Deutsche Wissenschaftlerin gründete einzigartiges internationales Forschungsinstitut - Inzwischen haben sich 44 Länder akkreditiert

Der Sudan galt lange als der Brotkorb der Region. Heute kann er seine eigene Bevölkerung kaum noch ernähren. Die Verschlechterung der Böden hängt mit der nomadischen Lebensweise und veränderten Landnutzungsrechten zusammen. Beide Faktoren verstärken die Dürre. Das hat die deutsche Geografin Mariam Akhtar-Schuster in jahrelangen Feldforschungen untersucht. Dafür zog die Wissenschaftlerin von der Uni Göttingen mit den Nomaden von der südsudanesischen Savanne bis hinauf zur Sahara.

"Die Nomaden wanderten seit Jahrhunderten auf ihren Routen und verwalteten ihre Gebiete selbst. Sie hatten ein enormes Wissen und achteten stark darauf, ihr Land nicht zu überweiden oder zu überholzen", sagt Mariam Akhtar-Schuster. Das habe sich jedoch stark geändert. Teile der Stammesgebiete wurden zunächst von den Kolonialmächten enteignet, dann öffnete die unabhängige Regierung des Sudan in den 1970er Jahren die Weiden für Jedermann. Mit verheerenden Folgen: Die Geografin musste eine starke Degradieren feststellen. "Auf dem Land wachsen heute kaum noch ausdauernde Pflanzen wie Büsche und Bäume, sondern vermehrt Gräser, deren Nährwert in der trockenen Jahreszeit schnell nachlässt", erklärt sie.

Großes Netzwerk

Dieselben Probleme zeigen sich im Nachbarland Tschad. Doch die nationalstaatlichen Grenzen und Konflikte standen der Kommunikation und Übermittlung von Daten und Informationen entgegen. Selbst in Deutschland, wo verschiedene Institute zu Wüstenbildung und Bodendegradation forschen, war der Informationsaustausch lange Zeit gering. Mariam Akhtar-Schuster wollte das ändern. Sie gründete deshalb mit einer Reihe deutscher Wissenschaftler im Jahr 2000 ein interdisziplinäres Netzwerk.

Mitglieder aus 44 Ländern

Dem "Desert-Net" schlossen sich innerhalb kürzester Zeit ingesamt 26 Institute und wissenschaftliche Einrichtungen an, die zur Desertifikation forschen. Im Jahr 2006 wurde das Netzwerk auf ganz Europa ausgeweitet und Anfang 2010 schließlich in den Verein "Desert Net International" überführt, der den Status einer Nichtregierungsorganisation innehat. Seit Jahresbeginn haben sich bereits über 210 Mitglieder aus 44 Ländern akkreditiert - und wöchentlich treffen weitere Anmeldungen ein.

Desert-Net bietet die fachliche Kompetenz von Wissenschaftlern mit langjährigen Feld- und Laborerfahrungen sowohl in Grundlagen- als auch in angewandter Forschung zur Desertifikation. Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen arbeiten hier zusammen: Politologen, Ökonomen, Soziologen, Biologen und Geologen. Zudem wird die Kommunikation zwischen politischen Entscheidungsträgern, anderen Interessengruppen und den Betroffenen gefördert. Desert Net International kooperiert außerdem eng mit der EU-Generaldirektion Forschung und der Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Desertifikation (UNCCD). Die Devise des Netzwerks: der Politik Erkenntnisse liefern. "Desert Net will unabhängig Wissen zur Verfügung stellen", erläutert Mariam Akhtar-Schuster. "Die Politik muss sich dann mit den Ergebnissen auseinandersetzen."

Ein Beispiel: das River Twin- Projekt, das am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart angesiedelt war. Zunächst wurde auf Grundlage der Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union ein Modell zur Grundwasserneubildung im Neckargebiet entwickelt. Dieses Modell wurde dann an den Flüssen Oueme im westafrikanischen Benin und am Chirchik in Usbekistan getestet und angepasst. Rund siebzig internationale Wissenschaftler in einem interdisziplinär ausgerichteten Team suchten vor Ort nach landwirtschaftlichen Lösungen, um mit dem Wassermangel klarzukommen, beschäftigten sich aber auch mit Fragen von Wasserhygiene und der besseren Nutzung des Niederschlags. Gegen Ende stellte Projektleiter Professor Karl Stahr von der Universität Hohenheim den Entscheidungsträgern aus Landwirtschaftsverwaltung und Wasserbewirtschaftung beider Länder die Lösungsvorschläge vor. "Das war in Benin sehr fruchtbar", sagt der Wissenschaftler. In Usbekistan hingegen beharrten die Entscheider auf eigenen Lösungen.

Ein weiteres Beispiel für die Arbeit von Desert-Net: Das BIOTA-Afrika-Projekt. Es untersuchte die Einflüsse von Klimawandel und Landnutzungsrechten auf die Artenvielfalt. Begleitend dazu bildete die Universität Hamburg in Südafrika und Namibia acht junge Dorfbewohner zu Aushilfsökologen aus. Sie arbeiteten zusammen mit den Forschern im Feld, steuerten ihr lokales Wissen bei und kommunizierten die Projektergebnisse mit den Bauern vor Ort. Auf diesem Wege profitierten am Ende die gesamten Dorfgemeinschaften von den Methoden und Ergebnissen der Forscher.

Nah am Menschen

Generell sind die Wissenschaftler von Desert-Net überzeugt, dass Lösungen für die Desertifikation nur gefunden werden können, wenn auch die Zivilgesellschaft einbezogen wird. "Wissenschaft muss angewandt und nutzerorientiert sein", stellt Mariam Akhtar-Schuster klar. Für sie ein beispielhaftes Vorgehen: "Wir machen es der Politik vor: Wir gehen ins Gelände und arbeiten mit den Menschen zusammen."

Die Autorin arbeitet als

freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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