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Aschot Manutscharjan
»Da müssen welche sterben«

Terrorismus Auf den Spuren islamistischer Gotteskrieger in Deutschland

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch von Rolf Clement und Paul Elmar Jöris ist etwas Besonderes. Das gilt auch, wenn man es mit anderen guten Publikationen über den islamistischen Terrorismus vergleicht. Die beiden Autoren zeigen, dass sie ihr journalistisches Handwerk beherrschen. Es gelingt ihnen, die kaum bekannte Seite der "Gotteskrieger aus Deutschland" zu zeigen. Neben der Beobachtung des elfmonatigen Prozesses gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe 2009/2010 reisten die Autoren in die Heimat der Terroristen und folgten den Hinweisen der Menschen, die die Täter von klein auf kannten.

Bislang hatte Deutschland Glück: Seit dem 11. September 2001 gab es hierzulande insgesamt sieben - erfolglose - Anschlagsversuche. Nur dank der Hinweise des US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency), die den konspirativen Mailverkehr zwischen der afghanisch-pakistanischen Grenzregion Wasiristan und Deutschland abgefangen hatte, gerieten die Terroristen ins Visier der deutschen Sicherheitsbehörden, die bei der Neutralisierung der ersten "homegrown" (einheimischen) Terroristen hervorragende Arbeit leisteten.

Es begann die größte Ermittlungsaktion in der Geschichte des Bundeskriminalamtes nach den RAF-Prozessen: bis zu 600 Polizeibeamte von Bund und Ländern verfolgten von April bis September 2007 eine Gruppe islamistischer Terroristen quer durch Deutschland. Und zwar ohne dass die Verdächtigen davon etwas bemerkten. Ihre Mietwagen wurden genauso verwanzt wie ihre Unterkünfte. Später gelang es den Polizisten sogar, die von den Verbrechern beschafften Fässer mit Wasserstoffperoxid-Lösung auszutauschen, dem Hauptelement der Bomben.

Islamische Dschihad Union

"Mir wäre es am liebsten, ganz Deutschland weg zu bomben", "Da müssen welche sterben". Bei diesen abgefangenen Äußerungen handelte es sich nicht um prahlerische Sprüche, sondern um die wörtlich zu nehmenden Pläne der Gruppe. Dies bewies nicht zuletzt ihre Mitgliedschaft in der terroristischen Organisation "Islamische Dschihad Union" (IJU), deren Ausbildungslager sie 2006 in Pakistan besucht hatten. Der zum Islam konvertierte Angeklagte Fritz Martin Gelowicz gab später zu, mit dem IJU-Anführer in der Region Wasiristan Anschläge in Deutschland geplant zu haben. Als Ziele hatten sie den Luftwaffenstützpunkt der USA in Ramstein, US-Kasernen und Diskotheken ausgewählt. Mit den Terroranschlägen wollten sie die Bundesregierung zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan zwingen.

Neben der Darstellung der geplanten Attentate beschäftigen sich Rolf Clement und Pual Elmar Jöris intensiv mit den Lebensläufen der Terroristen: Nicht zuletzt die zerrütteten Familienverhältnisse hatten die jungen, erbitterten und erfolgslosen Männer in die Hände fundamentalistischer Prediger geführten.

Am 4. März 2010 verkündete das Oberlandesgericht in Düsseldorf sein Urteil über die vier Mitglieder der Sauerland-Gruppe. Der Konvertit Gelowicz, der "Emir" der Gruppe, wurde zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, seine Mittäter müssen zwischen fünf und elf Jahren Haft verbüßen.

Das Strafmaß fiel "milder" aus, da die Terroristen umfassende Geständnisse abgelegt hatten, wie Richter Ottmar Breidling betonte. Verurteilt wurden Gelowicz, Adem Yilmaz, Attila Selek und Daniel Schneider wegen Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion, der Verabredung zum Mord und Nötigung der Verfassungsorgane. Schneider wurde zudem wegen versuchten Mordes verurteilt, da er bei der Festnahme einem Polizisten die Pistole entrissen hatte, aus der sich ein Schuss löste.

Das Fazit des hervorragenden Buches von Clement und Jöris ist unerfreulich: Der islamistische Terrorismus verfügt durchaus über Wurzeln und Verästelungen in Deutschland. Die Islamisten sind unter uns - auch wenn es bislang nur wenige sein mögen.

Rolf Clement, Paul Elmar Jöris:

Die Terroristen von nebenan. Gotteskrieger aus Deutschland.

Piper Verlag. München 2010; 294 S. 16,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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