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Hans-Jürgen Leersch
Die diskrete Säule der Republik

ESSEN UND TRINKEN Deutschlands wichtigster Barkeeper verlässt den Bundestag

Es gibt Menschen, die man selten sieht, die kaum einer kennt und die doch ganze Staaten stabilisieren. Osvaldo Cempellin ist einer von ihnen. 40 Jahre lang servierte der gebürtige Ladiner den Bundestagsabgeordneten. Er sah Regierungen kommen und gehen, erlebte, wie Koalitionen gestaltet wurden und zerbrachen. Immer charmant und stets diskret bewirtete der von allen nur "Ossi" gerufene Mann seine Gäste aus dem Bundestag. Wer welches Parteibuch hatte, war ihm egal - bei "Ossi" waren alle gleich. Er war für Generationen von Abgeordneten über viele Wahlperioden hinweg eine Institution. Mit 65 Jahren ging er jetzt in den Ruhestand und zurück in die geliebte ladinische Heimat in Italien.

Im »Langen Eugen«

Als "Ossi" in Bonn im Abgeordneten-Hochhaus "Langer Eugen" 1970 den ersten Kaffee servierte, war Willy Brandt Kanzler, und die neue Ostpolitik bestimmte die Debatten. Als 1989 die Mauer fiel, servierte "Ossi" im Keller des Bonner Wasserwerks, wo die Abgeordneten gerne nach der Debatte in der "Cafeteria" zusammensaßen. Und als mit Angela Merkel 2005 erstmals eine Frau das Regierungsruder in die Hand nahm, servierte der mit nach Berlin umgezogene wichtigste Barkeeper der Republik Getränke in der Parlamentarischen Gesellschaft, wo sich Abgeordnete abends ungestört zusammensetzen. Seine unaufdringliche Art und Freundlichkeit wirkten ansteckend. Niemand weiß, wie oft er allein schon durch sein Auftreten Streit geschlichtet hat. "Manches in der deutschen Politik wäre ohne ihn anders gelaufen", sagt Jürgen Koppelin (FDP), Vizepräsident der Parlamentarischen Gesellschaft. Sein Kollege Eckart von Klaeden (CDU) lobt: "Es gibt in Bonn und Berlin nur wenige, die über ein so hohes Ansehen verfügen."

"Ossi" hat Politiker steile Laufbahnen beginnen sehen, und er hat in 40 Jahren erlebt, wie sie auch wieder von den Thronen stiegen - oder heruntergeholt wurden. Er hat sie stets gleich freundlich behandelt, hatte für Verlierer immer ein tröstendes Wort parat und konnte sich herzlich mit den Gewinnern freuen - ohne den Hauch eines opportunistischen Zuges an den Tag zu legen. Viele schütteten bei ihm ihr Herz aus, schilderten Nöte, Sorgen, Probleme. Und konnten sicher sein, dass kein Wort je an andere weiterging. Trotz der Nähe blieb er auf Distanz - der Kumpel von nebenan war er nie und wollte es auch nicht sein. Es hat ihm zugesetzt, dass Berlin anders wurde, als Bonn war. Die Bonner Vertraulichkeit, die Diskretion - sie flossen wie Spreewasser dahin. Das schrille Berlin, die niemals müde werdende Stadt waren gewiss nicht sein Ding. Dennoch gab er nicht auf. Dazu liebte er die Politik zu sehr und mochte die Politiker - sie hatten ihn schließlich gebeten, mit nach Berlin zu gehen.

Die »Montagsrunde«

Gesungen hatten die Gäste in Bonn noch, oft Montags in der "Montagsrunde". In Berlin sangen sie erst seltener, später gar nicht mehr. Die meisten der "Runden" in Ossis Bar existieren nur noch in den Erinnerungen. Es hatte sich etwas verändert, und "Ossi", der ein feines Gespür für sich anbahnende Veränderungen hat, hat nicht nur einmal darauf hingewiesen. Beinahe wie eine Prophezeiung liest sich die letzte Strophe des Liedtextes "In Ossis Bar": "Die Republik mag ruhig sein, solange Ossi uns schenkt ein; sogar die Revoluzzion ertränkt man hier im Keime schon."

Reden halten war nie seine Sache. Dafür waren seine Gäste, die Abgeordneten, zuständig. Er sagte zum Abschied: "Es ist vorbei. Nach 40 Jahren. Es kam mir so kurz vor." Und ging.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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