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Ramona Vogel
Hüter leerer Hallen

NACHRUF Hans-Jürgen Heß sorgte für das Reichstagsgebäude

"Ich war immer mehr Bär als Adler", sagte Hans-Jürgen Heß über sich selbst, wohl wissend, dass er des Bären Fähigkeiten - Ruhe, Geduld und Kraft - für seinen Beruf brauchte. Heß war 24 Jahre lang Chef des in dieser Zeit überwiegend leerstehenden Reichstagsgebäudes in Berlin. Als er 1975 die Aufgabe übernahm, sich um das riesige Haus zu kümmern, stand es einsam, verlassen im Lee der Geschichte, im Schatten der Berliner Mauer. Mit rund 30 Mitarbeitern hielt er die Stellung im Geisterhaus und musste von seinem Büro aus hilflos die dunkelsten Auswüchse der geteilten Nation erleben. Durch die exponierte Lage des Gebäudes an einer schmalen Stelle des Todesstreifens wurde er Zeuge diverser Fluchtversuche ostdeutscher

Bürger über die Spree - geglückter, aber auch erfolgloser. Gelang die Flucht, war der Reichstag erster Anlaufpunkt für die Glücklichen; sie wurden dort mit Handtüchern und Tee versorgt.

Heß gab sich nie mit der reinen Verwaltung des Gebäudes zufrieden. Das Reichstagsgebäude und den davor liegenden Platz der Republik nicht veröden zu lassen, war ihm persönliches Anliegen. Von der Wiedervereinigung träumte er, ohne zu glauben, sie noch zu erleben. Zu Höhepunkten seiner Amtszeit zählten Michael Jacksons Konzert am Reichstag, zu dem Tausende beiderseits der Mauer pilgerten, sowie die viel besuchte Dauerausstellung "Fragen an die Deutsche Geschichte" und seine Gespräche mit dem Reichstagsverhüller Christo.

Die Leitung der Bonner Außenstelle des Bundestages nach dessen Umzug an die Spree verweigerte Heß, der von 1971 bis 1991 für die SPD dem Berliner Abgeordnetenhaus angehörte. Am 29. Oktober starb er im Alter von 75 Jahren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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