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Ina Brzoska
450.000 Käferarten begeistern Taxonomen

ARTENVIELFALT Ohne die emsigen Sammler wäre das Wissen um Flora und Fauna begrenzt - Der Bundestag debattiert darüber, wie man dieses Berufsfeld stärkt

Johannes Frisch arbeitet in einem Meer aus Insekten. Sein Büro liegt im ersten Stock des Naturkundemuseums in Berlin. Hinter den Ausstellungsräumen befinden sich unzählige für Besucher unzugängliche Tierarchive. Schlangen oder Frösche, die in Alkohol schwimmen, Schnecken, die aus Schubladen quillen, Flughunde oder Fledermäuse, die in durchsichtigen Plastiktaschen in Schränken hängen.

Mittendrin: Die Käfersammlung, sie zählt zu den größten der Welt. Sechs Millionen Präparate sind hier aufbewahrt: Vom Puppenräuber bis zum Rüsselkäfer. Der Insektenforscher Frisch ist Kurator dieser Abteilung, er hat sich während seiner wissenschaftlichen Laufbahn in der Käferforschung spezialisiert. Die räuberischen Kurzflügler sind sein Fachgebiet. Kürzlich war er in Teheran, tauschte sich mit einer iranischen Forscherin aus und brachte viele unbekannte Käferarten mit. Meist winzige Tiere, wenige Millimeter groß.

Frisch ist promovierter Biologe. Schon als 12-Jähriger hat er in seiner hessischen Heimat Insekten gesammelt. Eine Leidenschaft, die mit jedem Lebensjahr stärker wurde. Nach dem Abitur schrieb sich der heute 44-Jährige an der Uni in Gießen ein. Seit acht Jahren arbeitet er als Taxonom am Naturkundemuseum. Grundlagenforschung, das war von Anfang an sein Traum.

Taxonomen sind Menschen mit Ausdauer. Akkurat müssen sie sein, beim Zeichnen und Beschreiben. Wochenlang studiert Frisch unbekannte Käferarten. In wissenschaftlichen Aufsätzen notiert er die Beschaffenheit ihrer Körper, Form des Kopfes, der Fühler oder Farbe des Panzers. Ohne diese Beschreibungen könnten keine Käfer bestimmt werden. Das ist deshalb so wichtig, um etwas über die Eigenschaften der Tiere aussagen zu können. Die Evolutionstheorie wäre verloren, ohne die Arbeit der Taxonomen. Angewandte Forschungsdisziplinen profitieren von der Erkenntnis der Grundlagenforscher. Mediziner, Pharmazeuten oder Schädlingsbekämpfer nutzen sie.

Das Forschungsfeld von Johannes Frisch ist unübersichtlich und komplex. 450.000 Käferarten sind bekannt, viele Hunderttausend mehr gibt es aber auf der Welt. Es ist ein ständig wachsendes Feld. Was für die Käfertaxonomen gilt, betrifft auch Kollegen, die sich auf andere Arten spezialisiert haben. Weichtiere, Fische, Fliegen oder Pflanzen werden ständig neu entdeckt. Insgesamt soll es auf der Erde 13 bis 20 Millionen Arten geben - ein großer Teil ist noch nicht einmal eingesammelt worden.

Während sie auf ihre Entdeckung warten, sterben andere Arten in bedrohlicher Geschwindigkeit aus: Schätzungen zufolge bis zu 130 Arten täglich. Seit Jahren wird der schleichende Verlust von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen bemängelt. Das Jahr 2010 wurde deswegen von den Vereinten Nationen zum internationalen Jahr der Biodiversität ausgerufen. Der Klimawandel, die wiederkehrende Verseuchung der Meere durch Öl, die Abholzung tropischer Regenwälder - all das ruft irreparable Schäden hervor. Die durch den Menschen verursachte Zerstörung der Artenvielfalt hat ein dramatisches Ausmaß angenommen. Die UN hatte sich erhofft, dass die Mitgliedsländer etwas für den Artenschutz tun würden.

Den Nachwuchs fördern

Nun hebt die deutsche Politik das Thema auf die Tagesordnung. "Schutz der biologischen Vielfalt - Die Taxonomie in der Biologie stärken", so lautet der von der SPD eingereichte Antrag (17/3484), der am Donnerstag im Bundestag in erster Lesung beraten wurde. Die SPD fordert die Bundesregierung darin auf, sich mit den Bundesländern auf ein Konzept für eine bessere Ausstattung der naturkundlichen Museen und Sammlungen zu einigen. Zudem soll der wissenschaftliche Nachwuchs besser gefördert werden. Die SPD fordert, Strukturen im Bereich der Taxonomie zu unterstützen und gegebenenfalls aufzubauen.

In der zu Protokoll gegebenen Debatte stimmte die FDP dem Antrag in wesentlichen Punkten zu. Angelika Brunkhorst mahnte, dass Naturkundemuseen ihre Sammlungen infolge des Geldmangels oft nicht erforschen und zeigen könnten. "Die zoologischen und botanischen Einrichtungen haben es verdient, dass ihre Arbeit auch weiterhin wissenschaftlich untermauert wird", betonte sie. Zudem befürwortete sie die stärkere Unterstützung des Taxonomie-Nachwuchses. An Lehrstühlen, sagte Brunkhorst, mache sich bereits ein Mangel an Fachkräften bemerkbar.

Für eine Stärkung des Taxonomie-Nachwuchses plädierte auch Petra Sitte (Die Linke). Forschung für Artenschutz sei jedoch mehr als Taxonomie. "Wir brauchen auch eine angewandte Nachhaltigkeitsforschung und die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik."

Ein Sonderprogramm für den Taxonomie-Nachwuchs hält Ewa Klamt (CDU) hingegen für falsch. "Die Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs insgesamt, also auch im Bereich der Taxonomie, sind in Deutschland so gut wie nie", meint sie. In der vergangenen Legislaturperiode seien Mittel für die Wissenschaft erhöht worden. Klamt nannte den Pakt für Forschung und Innovation als Beispiel. Zuschüsse, für die gemeinsam mit den Bundesländern geförderten Forschungseinrichtungen würden zwischen 2011 und 2015 jährlich um fünf Prozent steigen. Davon profitiere auch der wissenschaftliche Nachwuchs.

Frisch sagt allerdings, dass sich immer weniger Studenten für Systematik und Taxonomie interessieren. Er selbst betreut nur eine Doktorandin. "Das liegt natürlich an der geringen Aussicht, eine adäquate Stelle zu ergattern", sagt er. Am Naturkundemuseum arbeiten rund 30 Taxonomen, trotzdem hinkt Frisch mit dem Einsammeln neuer Arten und vor allem mit dem Beschreiben hinterher. "Uns fehlt es an Personal", sagt er.

International und interdisziplinär

In ihrem Antrag fordert die SPD die Bundesregierung außerdem auf, sich stärker für den Ausbau der Taxonomie und Biodiversitätsforschung auf europäischer Ebene einzusetzen. Auf internationaler Ebene müsse ein freier Zugang zu biologischen Forschungsobjekten für die Grundlagenforschung bei gleichzeitigem gerechten Verteilungsausgleich gewährleistet sein. Die Herausforderungen in diesen Bereichen ließen sich allein auf nationalstaatlicher Ebene nicht lösen, bekräftigte Ernst Dieter Rossmann (SPD).

Josef Göppel (CSU) sieht die Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt als richtigen Weg an. In den kommenden Jahren solle sie aus Sicht des Bundesumweltministeriums durch ein neues Förderprogramm unterstützt werden. Eine Bevorzugung der Taxonomen hält er ebenfalls nicht für notwendig. Mit der Artenvielfalt setzten sich viele Wissenschaftszweige auseinander, sagte Göppel. Es sei schwer zu vermitteln, warum der Bereich Taxonomie bevorzugt werden solle.

Krista Sager von den Grünen plädierte für einen stärkeren Praxisbezug der Wissenschaft. Gerade mit Blick auf die bevorstehende Umstellung der EU-Landwirtschaftspolitik nach 2013 bekämen interdisziplinäre Praxisprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung eine große Bedeutung. Gebraucht würden interdisziplinäre Teams mit Biologen, Taxonomen und Juristen. In diesem Feld müsse mit politischen Akteuren und Praktikern kooperiert werden.

Auch Frisch ist auf die Unterstützung ausländischer Kollegen angewiesen. Neben seinem Mikroskop hortet der Biologe tausende Käferexemplare in großen Holzschränken. Große Käferpakete kommen aus aller Welt, aus zoologischen Instituten, die in Peking oder Australien sitzen. Deutsche Taxonomen, sagt Frisch, müssten viel mehr reisen. Zum Beispiel in bedrohte Regenwaldgebiete. "Dort müssten wir schnellstens Tiere einsammeln, bevor sie aussterben", mahnt er. Wenn heute von Umweltschutz die Rede sei, dann werde immer von Boden, Wasser oder Luft geredet. "Artenschutz und Biotopschutz sind aber genauso wichtig", sagt Frisch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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