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Alexander Weinlein
»Weil wir es konnten«

Irakkrieg Stephan Bierlings ausgezeichnete Analyse zu Vorgeschichte, Verlauf und Folgen

Die Veröffentlichung von annähernd 400.000 geheimen amerikanischen Militärdokumenten auf der Internetplattform Wikileaks hat den Irakkrieg schlagartig wieder ins öffentliche Bewusstsein katapultiert. Dabei war es in jüngster Zeit ruhig geworden um die andauernde militärische Präsenz der USA an Euphrat und Tigris. Selbst der Abzug zumindest der US-Kampftruppen im August dieses Jahres aus dem Irak, spielte in den deutschen Medien eine untergeordnete Rolle. Gemessen an den gewaltigen weltweiten Friedensdemonstrationen zum Auftakt des Irakkrieges im Jahr 2003 und den fast täglichen Berichten über Bombenanschläge und Unruhen mit tausenden von Toten in den Folgejahren fristete das zerrüttete Land inzwischen ein mediales Schattendasein.

Jetzt hat der Regensburger Politikwissenschaftler Stephan Bierling eine exellente Analyse des Irakkriegs vorgelegt. Er zeichnet den Weg nach von den Terroranschlägen des 11. Septembers, die letztlich zum Auslöser für die Kriegsplanungen der amerikanischen Regierung unter Präsident George W. Bush werden sollten, über den Einmarsch in Bagdad und den damit verbundenen Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein, über die sich anschließenden Jahre der amerikanichen Besatzung und des Bürgerkriegs bis hin zur aktuellen Irakpolitik von US-Präsident Barack Obama.

Bierling gelingt es, seine "Geschichte des Irakkriegs" spannungsreich und zugleich mit der gebotenen wissenschaftlichen Neutralität an den Leser zu bringen. Verglichen mit den meist stark emotionsgeladenen journalistischen Publikationen über den Irakkrieg ist dies äußerst wohltuend. Und dass es einem Wissenschaftler trotzdem gelingt, auch dem Laien eine fesselnde Lektüre zu bieten, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Besonders gewinnbringend sind jene Kapitel, in denen sich Bierling kritisch mit den Motivationen der amerikanischen Regierung für den Krieg auseinandersetzt. Plausibel widerlegt er dabei so gefällige und viel zitierte Thesen vom Krieg ums Öl, vom Krieg der Neokonservativen oder vom Krieg im Namen Israels. Und ebenso schonungslos demontiert er die offizielle Kriegspropganda des Weißen Hauses, die der Weltöffentlichkeit einzureden versuchte, Saddam Hussein habe mit dem Terrornetzwerk Al Qaida bei der Planung und Durchführung des 11. Septembers konspiriert und verfüge noch immer über ein bedrohliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, die er gegen die USA und andere Staaten einzusetzen gedenke.

Bierling greift auf die vielleicht einfachste, aber letztlich auch überzeugendste Erklärung für die amerikanische Kriegspolitik zurück. Nach der für die Supermacht so erniedrigenden Erfahrung des 11. Septembers habe die Bush-Regierung schlicht und ergreifend ein Machtexempel statuieren wollen. Bierling nennt es einen "Akt imperialer Selbstbestätigung". Thomas Friedman, Kolumnist der "New York Times" habe den wahren Grund für den Irakkrieg auf eine einfache und kurze Formel gebracht: "Because we could (Weil wir es konnten)." Die US-Regierung, so beschreibt es Bierling, habe sich letztlich selbst in einer "Mischung aus Alarmismus, Selbsttäuschung und Allmachtsphantasien in das Projekt der Entmachtung ihrer langjährigen Nemesis Saddam Hussein" getrieben.

Fehleinschätzungen

Von Allmachtsphantasien war dann offensichtlich auch die konkrete Kriegsplanung der Amerikaner geprägt. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld beabsichtigte, den Irak unter möglichst minimalem Einsatz von Bodentruppen bei gleichzeitigem maximalen Einsatz der Luftstreitkräfte in einer Art Blitzkrieg niederzuringen. Militärisch gelang dies dann auch weitestgehend. Auf lange Sicht zeitigte diese Planung jedoch katastrophale Folgen. So behauptete der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz vor der Invasion bei einer Kongressanhörung, "es sei schwer vorstellbar, dass man mehr Truppen benötigt, um in einem Irak nach Saddam Stabilität herzustellen, als man Truppen braucht, um den Krieg selbst zu führen". Eine verheerende Fehleinschätzung.

Doch so schonungslos Bierling solche Fehleinschätzungen benennt, so eindeutig benennt er auch die Erfolge, die die Amerikaner schließlich erringen konnten. Voll des Lobes ist er beispielweise für General David Petraeus, der im Jahr 2007 den Oberbefehl im Irak übernahm und durch eine konsequente Guerillabekämpfung und durch Aufbauprogramme die Initiative zurückzugewinnen konnte.

Ausgewogen fällt auch das Urteil über die längerfristigen Folgen des Krieges aus. Dieser werde sich weder als das "weltpolitische Fiasko", wie seine Kritiker meinen, noch als "der Schlüssel zur Lösung der Konflikte im Mittleren Osten" wie ihn seine Verteidiger darstellen, erweisen. Deutlich eindeutiger und ungnädiger beurteilt Bierling jedoch die Rolle von George W. Bush. Er werde wohl als "mittelmäßiger Amtsinhaber" in der Geschichte eingehen, "der einen Krieg mit manipulierten Gründen vom Zaun brach, ihn inkompetent führte und das militärische Scheitern erst in letzter Minute abwendete".

Stepahn Bierling:

Geschichte des Irakkriegs. Der Sturz Saddams und Amerikas Albtraum im Mittleren Osten.

Verlag C.H. Beck, München 2010; 253 S., 12,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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