Inhalt


Durchgesetzt in Bonns Männerwelt

Annemarie renger (1972-1976) Die SPD-Politikerin war die erste Frau an der Bundestagsspitze. Ihr Idol blieb Kurt Schumacher

Es war ein markanter Einschnitt in der Geschichte des Deutschen Bundestages wie in der deutschen Parlamentsgeschichte überhaupt, als am 13. Dezember 1972 die Abgeordnete Annemarie Renger zur Präsidentin des Hohen Hauses gewählt wurde. Eine Frau und engagierte Sozialdemokratin übernahm erstmals das Amt des Parlamentspräsidenten. Möglich war dies geworden dank des guten Wahlergebnisses der SPD 1972, als die Partei zur stärksten Fraktion im Parlament aufstieg. Aber auch Rengers Selbstbewusstsein, ihr Charme und ihre Beharrlichkeit in der Sache hatten schließlich gesiegt -, und schon binnen Jahresfrist war sie für die meisten Bürgerinnen und Bürger zur bekanntesten Politikerin Deutschlands geworden. Sie resümierte später ihre Amtszeit (1972-1976) so: "Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte: Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann." Nach 1976 blieb Annemarie Renger bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Parlament im Jahr 1990 Vizepräsidentin des Bundestages in Bonn.

Harte Jugendzeit

Im Leben war ihr nichts geschenkt worden. Aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammend, konnte sie ihre Schulzeit auf dem Augusta-Lyzeum in Berlin aus politischen Gründen ab dem Jahr 1933 nicht beenden. Sie begann danach eine erfolgreich abgeschlossene Lehre als Verlagskauffrau und war bis zur ihrer Heirat mit Emil Renger 1938 berufstätig gewesen. Seit 1944 Kriegerwitwe mit einem Sohn, floh sie im März 1945 aus dem umkämpften Berlin nach Visselhövede (Niedersachen), wo sie als Küchenhilfe in einem Lazarett tätig war, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Nach dem Kriegsende leitete Annemarie Renger zwischen Mai und Dezember 1946 das Büro des SPD-Parteivorstandes in Hannover und war von Oktober 1945 bis August 1952, dem Tod Kurt Schumachers, seine Privatsekretärin und enge Vertraute. Kurt Schumacher war es, der Annemarie Renger politisch und parteipolitisch wie kein anderer geprägt hat. Sie nutzte dessen politischen Freundes- und Bekanntenkreis, der sich in Schumachers Wohnung traf. Für sie waren die Gespräche mit Carlo Schmid, Adolf Arndt, Erich Ollenhauer und vielen anderen Lehrstunden im umfassendsten Sinn. Das, was heute als politische Streitkultur bezeichnet wird, spielte sich auch dort in den privatissime et gratis erteilten Lehrstunden ab. Die politischen Konzepte in der sich neu aufstellenden SPD waren heftig umstritten, von der Wirtschafts- und Finanzpolitik über die Fragen der deutschen Einheit bis zur zukünftigen Gestaltung der deutschen Gesellschaft - alles Themen heftiger Auseinandersetzungen. In dieser Zeit wird Kurt Schumacher für Annemarie Renger zu ihrem politischen Idol - bis zu ihrem Tod am 3. März 2008.

Parteipolitische Hakeleien

Peter Merseburger hat diese Entstehung einer besonderen Beziehung zutreffend beschrieben: "Sekretärin, Reisebegleiterin und Krankenschwester, engste Vertraute und Gefährtin des Wiederbegründers der SPD. Unvergesslich die Bilder, auf denen der einarmige Schumacher sich nach der Beinamputation 1948 auf sie stützt, um sich in den Bundestag zu begeben, die beiden scheinen wie miteinander verwachsen, ihre Schulter ist zu seiner ,zweiten Hälfte´ geworden. Diese politischen Lehrjahre mündeten für Frau Renger in ihre eigene politische Karriere. 1953 wurde sie Bundestagsabgeordnete und blieb dies bis zum freiwilligen Ausscheiden aus der aktiven Politik 1990. Ihr parlamentarischer Weg bis zur Bundestagspräsidentin war mit vielen Hindernissen und parteipolitischen Hakeleien versehen, besonders, als es um ihre Nominierung als Bundestagskandidatin ging. Aber auch bei solchen Parteiveranstaltungen hielt sich Annemarie Renger an Kurt Schumacher, der ihr geraten hatte: "Gehe nie aus dem Raum, wenn über dich etwas entschieden wird. Negatives ins Gesicht zu sagen, fällt sogar hartgesottenen Grobianen schwer."

Kampf ums Amt

Wie es in dieser politisch spannenden Zeit nach dem missglückten konstruktiven Misstrauensvotum von 1972 gegen Willy Brandt und der sich anschließenden Bundestagswahl am 19.November 1972 dennoch zur Nominierung von Annemarie Renger als Kandidatin für das zweithöchste Amt kam, hat sie eindrucksvoll selbst beschrieben: "Die SPD wurde zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik stärkste Fraktion und stellte damit den Bundestagspräsidenten. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, das der Bundestag vom Reichstag übernommen hat. Schon vor diesen Wahlen hat die SPD öffentlich erklärt, der nächste Bundespräsident - ich wähle absichtlich diesen männlichen Titel, weil das der offiziellen Bezeichnung des Amtes entsprach - werde nach dem Willen der SPD eine Frau sein. Es gab immer einen Streit, wer denn nun der erste war, der dies erklärt hatte. Gustav Heinemann und Herbert Wehner wollten das ,Erstgeburtsrecht´ für sich in Anspruch nehmen. Jedenfalls waren es zwei Männer und leider nicht wir Frauen selbst, die diesen Anspruch erhoben hatten. Dies würde uns Frauen heute nicht mehr passieren. Als mögliche Kandidaten für das Amt der Bundestagspräsidentin wurde nicht nur mein Name genannt. Herbert Wehner favorisierte Marie Schlei, eine hervorragende Berliner Abgeordnete, die viel Sympathie besaß. Marie und ich gehörten zu den ,Kanalarbeitern´ … Mit Zustimmung von Marie Schlei schlugen mich die Genossen für die Wahl in der Fraktion vor. Marie war der Meinung, dass ich aufgrund meiner politischen Leistung ein Anrecht auf diese Position hätte. Die Frau, die im Präsidium (der SPD, Anm. Verf.) sitze, müsse auch erste Kandidatin für dieses Amt sein… Ich selbst hatte Herbert Wehner mündlich mitgeteilt, dass ich kandidieren würde und meine Freunde mich vorschlügen. Trocken erwiderte er: ,Dann werden wir das wohl machen müssen.´"

Von Frauen attackiert

So kam es dann. Am 13. Dezember 1972 wurde die Kandidatin Renger mit breiter Mehrheit gewählt. Nach der Wahl sagte sie in ihrer Antrittsrede: "Vielleicht kann gerade die Tatsache, dass einer Frau zum ersten Male in der deutschen Geschichte das Amt des Parlamentspräsidenten übertragen worden ist, dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, die einer unbefangenen Beurteilung der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft noch immer entgegenstehen." Unverblümt schrieb Annemarie Renger dann in ihrem Rückblick auf ihr politisches Leben auch über die Reaktionen ihrer eigenen Genossinnen und einiger Journalistinnen: "Ausgerechnet Frauen meiner Partei erklärten mir in nicht gerade sehr freundlicher Art, dass ich dieses Amt nicht antreten sollte, da meine Wahl nur Alibifunktion habe. Meine Antwort war eindeutig: ,Ich werde jedes Amt anstreben und beweisen, dass Frauen es ausüben können…Was mir allerdings die Galle hochkommen ließ, war die unverschämte Arroganz einiger Journalistinnen, denen ich ebenfalls nicht in ihre politische Richtung passte. Solidarität von Frauen? Mitnichten´."

Versöhnung vorangetrieben

In der Zeit ihrer Präsidentschaft hat sich Annemarie Renger verpflichtet gesehen, den damaligen großen außenpolitischen Entscheidungen und Entwicklungen eine quasi parlamentarische Unterfütterung mit auf den Weg zu geben. Ihre viel beachtete Reise nach Moskau, ihre zahlreichen Reisen nach Polen und Israel stehen dafür, die Politik der Aussöhnung und der politischen Annäherung mit unseren östlichen Nachbarn, wie sie seit Willy Brandt und Helmut Schmidt betrieben wurde, positiv parlamentarisch zu begleiten. In der Frage, welche Aufgaben dem Parlament in einer modernen Gesellschaft zukommen, war Annemarie Renger, die nach ihrer Präsidentschaft noch weitere 14 Jahre lang bis 1990 als Vizepräsidentin dem Bundestag angehörte, eine energische Vertreterin eines selbstbewussten Parlaments, auch gegenüber der Exekutive. Gerade die politischen Herausforderungen der Zukunft sollten nach ihrer Auffassung vorausschauend und umfassend diskutiert werden, um die Bürger auf den Gestaltungs- wie Veränderungsbedarf einer modernen Gesellschaft mitzunehmen. Ihr Wunsch, dazu alle Instrumentarien im Bereich der Verwaltung des Bundestages zur Verfügung zu stellen - vor allem den Wissenschaftlichen Dienst auf die Höhe der Zeit zu bringen - ist von ihr und ihren Nachfolgern in Gang gesetzt und weitergeführt worden. Die Einsetzung von Enquête-Kommissionen als Beratungsinstrument für politische Entscheidungen effektiv zu nutzen, hat sie ebenso betrieben wie die Neuordnung des Petitionswesens.

"Für die Politik gelebt"

Eins hat sie stets betont: die Qualität parlamentarischer Arbeit misst sich nicht an der Zahl der verabschiedeten Gesetze. Ihr Credo lautete: "Was vom Parlament verlangt wird, ist vielmehr die politische Diskussion aller Fragen und Probleme vor der Öffentlichkeit. Die Volksvertretung muss die Hand am Puls der Bevölkerung behalten." Helmut Schmidt hat über seine Parteifreundin Renger geschrieben, dass sie die "Aufgaben dieses Amtes vier Jahre lang souverän gemeistert und dem Amt ihre persönliche Note aufgeprägt hat. Sie hat den Bundestag mit natürlicher Würde nach innen und nach außen repräsentiert… Zur Politik des verantwortungsbewussten Demokraten gehören der Wille und die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen, um dem Gemeinwohl dienen zu können. Dies ist eine den ganzen Menschen ergreifende, packende Aufgabe... Sie hat in diesem Lebensabschnitt (ihrer Präsidentschaft, Anm.Verf.) nicht um ihre Emanzipation zu kämpfen brauchen - sie war vielmehr längst frei und selbstsicher, als ich sie 1953 kennenlernte: eine eindrucksstarke politische Frau." Auf die erste Frau im Amt des Bundestagspräsidenten traf zu, was Max Weber 1919 in seinem Vortrag "Politik als Beruf" formuliert hat. Annemarie Renger hat "für die Politik" und nicht "von der Politik" gelebt.

Nächste Folge: Karl Carstens

Der Autor Hartwig Bierhoff (geb. 1943) war in Annemarie Rengers letzter Amtszeit als Bundestags-Vizepräsidentin ihr persönlicher Referent und Büroleiter. Er lebt in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag