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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Wehrdienst auf Schokobasis

Im Verteidigungsministerium in Bern rauchen die Köpfe: In Tag- und Nachtsitzungen grübeln dort nach Insiderinformationen die Planer hastig darüber nach, wie der befürchtete Massenexodus jener Eidgenossen, die sowohl über die Schweizer wie auch die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen, aufzuhalten ist. Denn in der vergangenen Woche ratifizierte der Bundestag in Berlin ein Abkommen, nach dem Deutsch-Schweizer sich in Zukunft aussuchen können, wo sie ihrer Wehrpflicht nachkommen wollen - vorzugsweise in ihrem Aufenthaltsland. Und nur wenige Stunden später beschloss dasselbe Parlament eben diese Wehrpflicht auszusetzen. Da fällt die Entscheidung nicht allzu schwer, wo man seinen Wehrdienst ableisten, besser gesagt eben nicht ableisten will. Ein klarer Wettbewerbsnachteil, wenn man den wehrdienstfähigen Bürger im eigenen Land halten will.

Nach einem ersten Referentenentwurf, der unserer Redaktion auf einer CD-Rom gegen ein kleines finanzielles Entgegenkommen überlassen wurde, plant die Schweiz offensichtlich eine groß angelegte Kampagne, um die Doppelpassbesitzer vor einem Übersiedeln in das nun wehrpflichtfreie Deutschland abzuhalten: Es winken ein rotes Schweizer Armeemesser - Firmennamen dürfen wir aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht nennen - für jeden Rekruten als Werbungsgeschenk und die Einrichtung eines kostenfreien Nummernkontos wahlweise in Zürich oder Genf. Kasernen werden in die schönsten Skigebiete oder an den Bodensee - Sessellift- und Strandzugang garantiert - verlegt. Und die Truppenversorgung wird um die von Schweizern erfundenen Kräuterbonbons und Schokoladenriegel in Bergmassiv-Form massiv aufgestockt. Über weitere kulinarische Zuschläge sollen gemäß Röstigrabenproblematik vor Ort in den Kantonen entschieden werden. Wenn das Wilhelm Tell wüsste.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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