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Ralph Schulze
Hassreden auf Ruinen

LIBYEN Die internationale Koalition gewinnt die Lufthoheit, doch am Boden lässt Gaddafi weiter auf das Volk schießen

Die Propagandamaschine Muammar al-Gaddafis ist immer noch gut geölt: "Die Angriffe werden dem libyschen Volk keine Angst einjagen", erklärt ein Sprecher im Staatsfernsehen. Ein Moderator springt gar mit Schnellfeuergewehr vor die Kamera und schwört, "bis zum letzten Tropfen Blut" gegen die "feindlichen Kreuzritter" zu kämpfen.

Kurz zuvor hatte die internationale Koalition wieder mit Marschflugkörpern und Kampfjets angegriffen. Heftiges Luftabwehrfeuer erleuchtet den nächtlichen Himmel über der Hauptstadt Tripolis. Offenbar sind doch noch nicht alle libyschen Flugabwehrkanonen ausgeschaltet. Was aber auch nicht einfach ist, da Gaddafi auf Wohnhäusern Flakstellungen postiert haben soll. Raketen und Bomben gelten unter anderem einer Marinebasis nahe Tripolis, mit etwa 1,7 Millionen Einwohnern Libyens größte Stadt. Der Sprecher des libyschen Regimes, Mussa Ibrahim, sagte hingegen, die westlichen Raketen hätten "einen kleinen Fischerhafen" bei Tripolis zerstört. Belege dafür präsentiert er nicht.

Einen Tag später dürfen westliche Journalisten dann doch eine attackierte Marinebasis in Augenschein nehmen. Rauch steigt noch über den Trümmern einer großen Halle auf. Man sieht drei Krater, wo offenbar Marschflugkörper einschlugen. Daneben die Gerippe von ausgebrannten Militärfahrzeugen und Raketenwerfern. Die internationale Koalition vermutete hier ein Waffen- und Rüstungslager. Ein libyscher Marineoffizier beteuert: "Das war nur eine Werkstatt. Wir hatten hier keine Raketen, keine Bomben." Ein Soldat steht einsam auf einem Berg aus Stahlträgern und Trümmern, er hält ein großes Gaddafi-Plakat in die Höhe. Ob es hier Tote gegeben habe? "Nein", lautet die knappe Antwort. Bisher hat Gaddafis Regime noch keine Beweise für die Behauptung gebracht, dass auch Zivilisten bei den Luftangriffen umgekommen seien.

Menschliche Schutzschilde

Die Einschläge der Raketen rücken immer näher an Gaddafi heran. Ein Marschflugkörper schlug in seine mutmaßliche Kommandozentrale in Tripolis ein. Das Gebäude in der gigantischen Militärfestung Bab al-Azizia, in der Gaddafi auch seine Hauptresidenz hat, wurde zerstört. Wo sich Gaddafi zum Zeitpunkt des Angriffes aufhielt, ist nicht bekannt. Eine "barbarische Bombardierung", zürnt Regimesprecher Ibrahim. Noch in der Dunkelheit der Nacht karrt er Reporter zur Bombenruine, wo ein paar hundert Regime-Anhänger warten. Wie üblich, wenn Kameras auftauchen, schwenken sie Gaddafi-Plakate und intonieren Jubelgesänge über den "Revolutionsführer". Tote habe es bei diesem Angriff nicht gegeben, sagt Ibrahim. Es sei nur ein "ein Verwaltungsgebäude" gewesen.

Unbestätigten Berichten zufolge benutzte Gaddafi in dieser Nacht die ausländische Reporterschar auf seinem Residenzgelände als menschliche Schutzschilde, um weitere Angriffe auf seine Trutzburg zu verhindern. Später wird bekannt, dass britische Kampfflugzeuge zu diesem Zeitpunkt einen Angriff abbrechen, weil die Piloten gewarnt werden, dass sich Zivilisten am Zielort befinden. Auch wenn es nicht offiziell bestätigt wird, dass weitere Attacken auf Gaddafis Bab-al Azizia-Festung geplant waren, liegen diese Informationen in der Logik des Luftkrieges der Koalition. Der ober- und unterirdische Komplex gilt als Schaltzentrale Gaddafis und seines grausamen Krieges gegen sein aufständisches Volk.

Reden des Hasses

Vor 25 Jahren, am 15. April 1986, hatten US-Bomber schon einmal Bab al-Azizia angegriffen und Gaddafis Residenz zerstört. Als Antwort auf einen libyschen Terroranschlag in der Berliner Diskothek La Belle, wo am 5. April 1986, drei Menschen getötet und 230 verletzt worden waren. Die Ruine der damals zerstörten Residenz, die Gaddafi später als "anti-imperialistisches Mahnmal" glorifizierte, diente ihm in den letzten Wochen häufiger als Kulisse für seine Reden des Hasses.

Auch jetzt meldet sich Gaddafi nach längerer Funkstille wieder aus den Ruinen. Spät in der Nacht steht er in den Trümmern jenes Gebäudes seiner gigantischen Militärfestung, das drei Tage zuvor von einem westlichen Marschflugkörper getroffen und zerstört worden war. Er schreit wie üblich wüste Parolen gegen die angreifenden "Kreuzritter" ins Mikrofon und bekräftigt: "Wir werden siegen." Zum Abschluss der gespenstischen Gaddafi-Vorstellung, die vom libyschen Staatsfernsehen live übertragen wird, brüllt er: "Ich habe keine Angst vor den Flugzeugen, die dunkle Zerstörung herabwerfen. Ich bin zäh. Ich wohne hier in meinem Zelt." Eine kleine Schar handverlesener Anhänger jubelt dem "Bruder Führer" zu, der offenbar mit seinem Auftritt Spekulationen begegnen will, dass er sich schon abgesetzt habe. US-Außenministerin Hillary Clinton streut zur gleichen Zeit die Information, dass Gaddafi nach einem möglichen Exil Ausschau halte. "Wir haben das von Leuten aus seinem Umfeld gehört", sagt sie. Demzufolge sondieren im Hintergrund libysche Unterhändler rund um den Globus, wo ihr "Bruder Führer" notfalls Unterschlupf finden könnte.

US-Admiral William E. Gortney versichert derweil, dass Gaddafi selbst "nicht auf der Zielliste" stehe. Die Bombardierung des Gaddafi-Komplexes darf jedoch durchaus als Botschaft interpretiert werden, dass sich das ändern könnte. Immerhin ist er der Befehlshaber jener Armee, die seit Wochen die Zivilbevölkerung terrorisiert. Die britische Regierung sieht das offenbar ebenfalls so: Außenminister William Hague schloss einen direkten Angriff auf Gaddafi nicht aus: "Das hängt von den Umständen ab." Verteidigungsminister Liam Fox sagte, ein Angriff auf Gaddafi sei "eine Möglichkeit". Auch andere libysche Luftwaffenstützpunkte und strategische Militäranlagen werden angegriffen, etwa in Sirte, rund 450 Kilometer östlich von Tripolis. Regimesprecher Ibrahim behauptet auch hier, bei einer Attacke auf den zivilen Flughafen habe es zahlreiche Tote und Verletzte unter der Bevölkerung gegeben. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es ebenfalls nicht.

Ein anderer Luftschlag galt Militärbunkern in der Wüstenstadt und Gaddafi-Hochburg Sabha, 800 Kilometer südlich der Hauptstadt. In Sabha lebt Gaddafis Stamm, die Stadt hat eine große Militärgarnison. In der Nähe Sabhas soll Gaddafi in den 90er Jahren an einem geheimen Atomwaffenprogramm gebastelt haben, das aber angeblich später gestoppt wurde: Gaddafi hatte im Jahr 2003 versprochen, nicht weiter an Massenvernichtungswaffen zu arbeiten. Die Luftangriffe der von den USA, Großbritannien und Frankreich angeführten westlich-arabischen Koalition stützen sich auf eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, der die Mitgliedstaaten am 17. März autorisiert hatte, "alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um Zivilisten und von Zivilisten bewohnte Gebiete in Libyen zu schützen, denen ein Angriff droht".

Der Luftkrieg begann dann zwei Tage später, am 19. März, mit einem Angriff französischer Jets auf Gaddafis Truppen, welche seit Tagen die Oppositionshochburg Bengasi im Osten des Landes mit schwerer Artillerie beschossen hatten. Dutzende Stahlgerippe entlang der südlichen Straße Richtung Bengasi zeugen davon, dass die Operation "Odyssey Dawn" mit voller Wucht begonnen hatte. Tote Soldaten liegen neben ausgebrannten Panzern, Truppentransportern, Pickups mit aufmontierten Geschützen. "Straße des Todes" nennen die Leute nun die Route.Eine Attacke, die im letzten Moment kam, nachdem die Gaddafi-Armee Libyens zweitgrößte Stadt, wo 700.000 Menschen leben und die Gegenregierung der Opposition residiert, immer heftiger attackiert hatte. Annähernd 100 Menschen sollen bei Gaddafis versuchtem Sturm auf Bengasi umgekommen sein. Wie viele von Gaddafis Soldaten beim heftigen Luftangriff der Koalition umkamen, ist bisher unbekannt.

Jubel auf den Straßen

Die Einwohner Bengasis jubelten auf den Straßen, als sie hörten, dass sie in ihrem Kampf für die Freiheit nicht mehr allein sind. Und dass die internationale Koalition die Gaddafi-Militärs mit Luftangriffen gestoppt hatten. Die Attacke sei "effektiv" gewesen, sagte ein Rebellensprecher. Umgehend machten sich Einheiten der bewaffneten Opposition auf, um flüchtende Gaddafi-Soldaten Richtung Ajdabiya, 160 Kilometer südlich Bengasis, zu verfolgen. Seitdem toben vor der Stadt Ajdabiya heftige Kämpfe. Und auch rund um Misurata, nach der Oppositionshochburg Bengasi drittgrößte Stadt des Wüstenlandes. Die Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern, rund 200 Kilometer vor den Toren von Tripolis gelegen, wird ebenfalls immer wieder von Gaddafis Panzern und von Artillerie unter Feuer genommen. Auch hier greifen später alliierte Kampfflugzeuge ein, beschießen libysche Truppenstellungen.

Heckenschützen, mit denen Gaddafi buchstäblich Jagd auf die Bevölkerung macht, lauern in Misurata auf den Dächern, berichtet ein Arzt. "Unser Krankenhaus ist überfüllt", sagt der Mann. "Wir müssen die Patienten auf dem Flur behandeln. Die Verletzten zählen wir schon nicht mehr. Nur noch die Toten." Hunderte sollen in den letzten Tagen hier umgekommen sein. Gaddafis Scharfschützen feuern auch auf das Hospital. "Sie schießen auf alle, die hineinwollen oder herauskommen." Es gebe keinen Strom, Verbandsmaterialen und Lebensmittel würden knapp. Die Küstenstadt brauche dringend humanitäre Hilfe. US-Admiral Samuel Locklear erklärt, man prüfe "alle Optionen", um den Menschen in Misurata zu helfen.

Flugverbotszone

Das Pentagon warnt, dass Gaddafis Bodentruppen gegebenenfalls weiter attackiert werden. "Wenn sie auf die Pro-Demokratie-Kräfte marschieren, dann werden wir sie angreifen." Die internationale Koalition sieht sich auf gutem Wege: "Gaddafis Luftabwehrsystem ist schwer getroffen worden", sagt ein Sprecher. US-Generalstabschef Mike Mullen erklärt kühl: "Die Flugverbotszone ist errichtet." Man habe keine Hinweise darauf, dass die libysche Luftwaffe noch aktiv sei oder Gaddafi gar einen Einsatz chemischer Waffen vorbereite. Ibrahim Dabbashi, Libyens früherer Vize-UN-Botschafter, der zur Opposition überlief, glaubt nicht, dass Gaddafi dem militärischen Druck der internationalen Koalition noch lange standhalten kann. "Er wird vielleicht noch einige Tage überleben. Aber ich denke nicht, dass er sich noch Monate halten kann."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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