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AUFGEKEHRT
Götz Hausding
Rückkehr der treuen Seelen

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu, sang einst Liedermacher Wolf Biermann. Nun denn - derzeit offenbaren sich viele treue Seelen. Angefangen von der FDP, die nichts mehr mit Guido Westerwelle, ihrem Helden vergangener Tage, zu tun haben will.

Gleich doppelt treu im Biermannschen Sinne scheint Verkehrsminister Ramsauer zu sein. Nachdem der Bau des unterirdischen Bahnhofes in Stuttgart als untrennbar mit dem Bau der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm verbunden galt, ruderte Ramsauer kurzzeitig zurück. "Im Prinzip", so sagte der Minister, könne die Strecke auch ohne den Bahnhof gebaut werden. Um wenig später erneut die Richtung zu wechseln. Ein Kompromissangebot nämlich, so ließ er wissen, sei diese Aussage nicht.

Auf Platz eins der Liste der treuen Seelen liegen Bundeskanzlerin Merkel und die Mineralölindustrie gleichauf. Die Kanzlerin hat es glatt geschafft, noch im Herbst des vergangenen Jahres eine Betriebsverlängerung für alte Atomkraftwerke als völlig unbedenklich einzustufen und heute eine Sofortabschaltung zu veranlassen. Gelitten hat darunter die von der Opposition unterstellte dicke Freundschaft zwischen Merkel und RWE-Chef Großmann. Der Industriekapitän klagt nun gegen die Abschaltung. Verständlich, denn nirgendwo sonst kann so billig Strom erzeugt werden wie in längst abgeschriebenen Atomkraftwerken.

Klagelaute sind auch von der Mineralölwirtschaft zu vernehmen. Nachdem man angeblich so eifrig für die Nutzung des E-10-Kraftstoffes geworben hatte, würde man diesen nun am liebsten aus dem Programm nehmen. Treue nach Biermann also. Es dürften jedoch allenfalls Krokodilstränen sein, die darüber vergossen werden, dass der verunsicherte Fahrzeughalter statt des billigeren Bio-Benzins doch lieber das teure Super-Plus tankt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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