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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Auf dem Umschlag stand nur: "An die Judensau, Österreich". Der Brief wurde Simon Wiesenthal in Wien zugestellt. Wiesenthal rief daraufhin den österreichischen Postminister an und fragte, woher der Briefträger eigentlich gewusst habe, dass das Schreiben für ihn bestimmt sei. Doch eigentlich wunderte er sich nicht über den Vorgang und legte den Brief wie viele andere ähnlichen Inhalts in einem Aktenordner mit der Aufschrift "M" (Meschugge) ab. Wie kein anderer hatte Wiesenthal die Österreicher mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert: Der Alpen-Republik warf er vor, die NS-Verbrecher nicht bestraft zu haben. Auch die "Kreisky-Peter-Affäre" und die "Waldheim-Affäre" deckte er auf.

Tausende Akten aus 14 Archiven, darunter nicht bekannte Quellen aus Wiesenthals Privatarchiv, bilden die Grundlage für die erste dokumentengestützte Biografie über den 2005 verstorbenen Holocaust-Überlebenden. Autor des Buches über den "de facto Mossad-Agenten", der seit 1945 für die Bestrafung der NS-Verbrecher und die internationale Anerkennung des Holocaust kämpfte, ist der renommierte israelische Historiker Tom Segev.

Mit versierten Medienkampagnen drängte Wiesenthal den Staat Israel bereits im Jahr 1949, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten. Seine weltweite Bekanntheit verdankte er jedoch seinem unermüdlichen Einsatz als "Nazi-Jäger". Unter anderem leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Aufspürung und Verhaftung Adolf Eichmanns durch israelische Agenten in Argentinien. Zudem initiierte Wiesenthal eine internationale Kampagne gegen das Verjähren der NS-Verbrechen. Im Bundestag unterstützten ihn dabei die Abgeordneten Ernst Benda (CDU) und Gerhard Jahn (SPD). Sie setzten sich 1965 für einen fraktionsübergreifenden Antrag gegen die Verjährung der NS-Verbrechen ein.

Tom Segev ist es gelungen, mit Hunderten kleinen Geschichten ein großes Epos über Wiesenthals Kampf für Gerechtigkeit zu schreiben.

Tom Segev:

Simon Wiesenthal. Die Biographie.

Siedler Verlag, München 2010; 574 S., 29,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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