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Helmut Herles
Unangepasst und unbequem

Wolfgang Thierse (1998-2005) Der erste Ostdeutsche im Amt mischt sich gerne ein

Wolfgang Thierse, der erste aus der DDR im hohen Staatsamt, ist ein Sozialdemokrat, katholischer Christ mit schlesischen Wurzeln, Literaturwissenschaftler, er wird als "leidenschaftlicher Redner und Zuhörer" beschrieben. Thierse war schon immer anders als die meisten anderen. Das erklären die vielen Gegensätze und Spannungen seiner Biografie. Er ist als vertriebener Schlesier aus Breslau im südlichen Thüringen aufgewachsen. Er war einer der vielen Heimat suchenden und vermissenden Menschen. Als hochdeutsch Sprechender unter Mundart-Menschen, als Katholik unter Evangelischen, als Christ unter Atheisten. Deshalb war er nicht zur Jugendweihe gegangen und nicht zum NVA-Militär samt dessen Erziehung zum Hass. Ein Parteiloser unter SED-Genossen und ihren Blockparteien bis zur Revolution 1989. Unangepasst, unbequem, unabhängig - soweit das in den Nischen der DDR-Diktatur möglich war. Das ist bis heute wirksam.

Der schlesischen Heimat verbunden

Ein sichtbares Zeichen dafür blieb die Frisur und der mal mehr, mal weniger von seiner Frau Irmtraud gestutzte Bart, den er sich seit 1967 wachsen ließ. Quasi als "Vor-68er" und als Protest gegen die allzu glatten und spießbürgerlichen SED-Genossen. Weshalb ihn dann in Bonn ab 1990 etliche für einen "Rübezahl aus dem Osten" hielten. Mit dem Poltergeist - ergleich aus dem heimatlichen Riesengebirge kann er leben. Denn dieser bestrafte die Bösen und half den Armen. Wie sehr Thierse in Schlesien verwurzelt blieb, das der am 22. Oktober 1943 Geborene als kleines Kind verlassen musste, zeigen seine Besuche und Aktivitäten dort. Zuerst schon, als er sich in der DDR weigerte, als Geburtsort Wroclaw statt Breslau anzugeben. "Liebende Erinnerung" habe ihm seine Familie vermittelt, ohne jedes Gefühl von Revanche.

Widerstand gegen das SED-Regime

Dass Thierse schließlich zum aktiven Widerstand gegen das SED-Regime mit dem "Neuen Forum" in der Herbstrevolution von 1989 kam, verdankt er neben den für Eigensinn besonders fruchtbaren schlesischen Genen nicht zuletzt dem Beispiel seines Vaters Paul. Der war in Breslau Rechtsanwalt und Sohn des gleichnamigen Oberschulrates. Den vertrieben 1933 die Nazis aus dem Amt, weil er in der katholischen Zentrumspartei war. Auch Thierses Vater war im Zentrum aktiv. Als der Bundestagspräsident Thierse 2005 in der Aula der Breslauer Universität Leopoldina redete, überreichte ihm zu seiner Überraschung der heutige polnische Rektor Kopien von Studienbescheinigungen seines Großvaters.

Arbeit als Wissenschaftler

Angesichts des familiengeschichtlichen Hintergrunds ist es kein Wunder, dass sich Thierses Vater bei der neuen CDU im thüringischen Eisfeld engagiert, wo vor 1949 noch nicht SED-hörige "Blockflöten" den Ton angaben. Für diese CDU war der Vater Kreistagsmitglied. Der Vater hatte nichts dagegen, dass sich der Sohn beim RIAS-Hören von Bundestagsdebatten vor allem für SPD-Politiker begeisterte. Thierse sagte einmal, er sei so "schon beim West-Radiohören mental Sozialdemokrat und Anhänger des Parlamentarismus geworden". Nach dem Abitur hätte Thierse gerne studiert, um Journalist zu werden. Dafür hatte er die "falschen" Eltern. Er musste erst unter die "Werktätigen" und lernte in Weimar Schriftsetzer. Danach Studium von 1964 bis 1968 an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin bis zum Diplom in Germanistik und Kulturwissenschaft.1975 ging er ins Kultusministerium der DDR, wo er für "architekturbezogene Kunst" zuständig war. Dort konnte der Nicht-Genosse den Mund nicht halten, nicht nur wegen der Ausbürgerung von Wolf Biermann, sodass er 1976 entlassen wurde. Aber er fand Unterschlupf in einer der Nischen der Elite: im Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften. Dort arbeitete er ab 1977 mit am "Historischen Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe" und hoffte noch als Politiker vergeblich, dass er dort begonnene Forschungen beenden könnte. Sein Schreibtisch muss schon damals so "schöpferisch chaotisch" ausgesehen haben wie später der zu Hause am Prenzlauer Berg.

Bei den Sozialdemokraten

Zur Politik und an die Spitze der SPD war Thierse in einem atemberaubenden Tempo angekommen, wie es nur 1989/1990 in der sich demokratisierenden DDR möglich war. Diese Revolution revolutionierte auch sein Leben. Erst später in Bonn und Berlin als Bundestagspräsident (1998 bis 2005) und seither in Berlin als Vize glückte immer wieder die ihm eher liegende Entschleunigung. Das Stakkato, aber auch die Stetigkeit seines politischen Aufstiegs: Oktober 1989 in der Bürgerbewegung "Neues Forum". Januar 1990 in die als SDP neu gegründete SPD der DDR eingetreten, da die Atemlosigkeit der deutschen Einigung klare Strukturen brauche. Dort als differenzierter und pointierender Redner aufgefallen. Für die SPD die enttäuschende erste demokratische Volkskammerwahl am 18. März 1990, da die Partei mit Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidat in Bonn und anderen "Enkeln" Willy Brandts den einmaligen geschichtlichen Augenblick der deutschen Einheit falsch eingeschätzt hatte.

"Genosse Rotbart"

Im Juni 1990 wird er in Halle zum neuen SPD-Chef der DDR gewählt. Im Gegensatz zu Lafontaine ist er für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der Bundesrepublik. Ab August 1990 zusätzlich Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer. Nach dem Beitritt zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 wird er in Bonn Vizechef der gemeinsamen Bundestagsfraktion bei Hans-Jochen Vogel (bis 1998), an den er bis heute dankbar denkt, und Vize der Partei (bis 2005). Bald gilt der temperamentvolle Debattenredner "Genosse Rotbart" (Ernst Elitz) als "Mundwerk des Ostens". Die Nachfolge von Walter Momper an der Spitze der Berliner SPD lehnt er ab. Er passt in kein Links-Rechts-Schema, bleibt unbequem, streitbar und umstritten.

Historisches Datum

Das äußerte sich auch bei der Wahl des ersten Ostdeutschen in eines der hohen Staatsämter bei der Konstituierung des 14. Deutschen Bundestages am 26. Oktober 1998. Nicht nur für Thierse "ein durchaus historisches Datum". Und: "Acht Jahre nach der staatlichen Vereinigung ein Akt demokratischer Normalisierung in den immer noch nicht ganz konflikt- und vorurteilsfreien ost-west-deutschen Verhältnissen, ein Schritt im Prozess, den innere Vereinigung zu nennen, wir uns angewöhnt haben." Thierse empfand sich also auch als Repräsentant seiner ostdeutschen Landsleute: "Es gab das wirklich - das richtige Leben im falschen System. Und es bleibt weiterhin notwendig …, einen Unterschied zu machen zwischen dem Urteil über das gescheiterte System und dem Urteil über die Menschen, die in ihm gelebt haben, leben mussten, und die nicht alle gescheitert sind, gescheitert sein dürfen."

Appell an die Westdeutschen

Der neue Bundestagspräsident sprach zwar von "Enttäuschungen und tiefen Zweifeln an der Demokratie und den Problemlösungsfähigkeiten demokratischer Politik". Aber er nannte die "unspektakuläre Weise des demokratischen Machtwechsels beispielhaft" für die "Gemeinsamkeit der Demokraten", einen "überzeugenden Ausweis entwickelter und gefestiger demokratischer Kultur Deutschlands". Angesichts des bevorstehenden Umzugs des Bundestages nach Berlin fügte er hinzu: "Bonn ist eben nicht Weimar geworden und Berlin wird es ... auch nicht werden." Aber auch die Westdeutschen müssten sich "auf das vereinte Deutschland und seine Veränderungen einlassen".

Kohls Attacke

Als Nachfolger von Rita Süssmuth (CDU) erhielt der neue Bundestagspräsident 512 von 666 Stimmen bei 109 Nein und 45 Enthaltungen. Diesen Intellektuellen in der Politik charakterisieren Zitate in seiner Antrittsrede: "In meinem Kopf hat mehr als eine Meinung Platz." (Martin Walser). Und bei allen nötigen Auseinandersetzungen die Fähigkeit zu Kompromiss und Konsens: "Versöhnung mitten im Streit." (Friedrich Hölderlin) Das machte ihn keineswegs zum "Grüß-Onkel unter dem Bundesadler" ("Süddeutsche") oder "politischen Eunuchen" ("Frankfurter Rundschau"). Er war und ist ein politischer Präsident und leidenschaftlicher Parlamentarier. Dies mag mit dazu beigetragen haben, dass Helmut Kohl einen bösen Vergleich anstellte und ihn den "schlimmsten Präsidenten seit Hermann Göring" nannte, ausgerechnet ihn als aktiven Streiter gegen Rechtsextremismus.

Parteispendenaffäre

Gefordert war Thierse als politischer Präsident mit Aufgaben wie der Durchsetzung des Holocaust-Mahnmals, das er 2005 als "Symbol für die Unfassbarkeit des Verbrechens" einweihte. Mit seinen Themen wie Zuwanderung, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Auf seinen Auslandsreisen mit Reden für den Dialog der Religionen. Gefordert aber auch als Verwaltungschef angesichts der in der Wahlperiode 1989-2002 aufgedeckten Parteispendenaffären, vor allem des "Systems Kohl" in der CDU. Im Dezember 2000 verhängte er gegen die CDU 7,79 Millionen D-Mark Strafgeld wegen der im Herbst 1999 enthüllten "Bimbes"-Affären des damaligen Kanzlers Kohl, der zwischen 1993 und 1999 2,71 Millionen D-Mark Spenden angenommen hatte, ohne dies zu publizieren. Den Staatszuschuss an die CDU ließ er um 41 Millionen D-Mark kürzen. Auch die Kölner SPD musste bestraft werden und ebenso in seiner zweiten Amtszeit die NRW-FDP. Zu schaffen machten ihm auch die "Bonus-Meilen" der Lufthansa für Bundestagsabgeordnete 2002, wobei die Fluggesellschaft die Herausgabe der Namen der "Miles & More"-Mandatsträger verweigerte.

Väterlicher Rat

Offensichtlich wegen seiner unbequemen Entscheidungen und seines streitfähigen Temperaments bekam er bei seiner Wiederwahl am 17. Oktober 2002 nur 357 von 596 Stimmen und 2005 sowie 2009 unter den Vizepräsidenten das bescheidenste Ergebnis. Obwohl er in wichtigen Grundfragen mit seinem Nachfolger Norbert Lammert (CDU) übereinstimmt: Beim Kampf für den Vorrang des Parlaments vor den Talkshows der Mediengesellschaft und der Verteidigung seiner Hoheit als Gesetzgeber gegenüber den Bundesregierungen. Wolfgang Thierse war und ist ein Präsident, der sich einmischt. Bei Demonstrationen gegen Rechtsextreme in Berlin und Dresden. Oder bei der Ablehung eines besonderen Gedenktages für die deutschen Vertriebenen. Was für ihn kein Gegensatz dazu ist, dass er mit Norbert Lammert und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hilfreich war beim Kompromiss der Großen Koalition für ein "sichtbares Zeichen" gegen Vertreibungen in Berlin. Dazu passt sein Engagement im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, seine aktive Beteiligung an Kirchentagen als Redner und Zuhörer. Wolfgang Thierse lebt und arbeitet mit einer "Grundüberzeugung", die er von seinem Vater gelernt habe: "Wenn andere etwas für richtig halten - und sei es die Mehrheit -, dann muss es noch lang nicht richtig sein. Du selber musst es prüfen, Dich entscheiden und dann dazu stehen."

Mit dieser Folge endet die Serie über die Bundestagspräsidenten.

Helmut Herles war langjähriger Parlaments-

korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Chefredakteur des Bonner "General-Anzeiger".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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