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Alexandra Haderlein
13 Prozent waren nie in der Schule

KINDERKOMMISSION Studie zu Bildungssituation von Sinti und Roma offenbart Defizite

Zwischen 80.000 und 120.000 Sinti und Roma sollen in der "Bildungsrepublik Deutschland" leben, doch von einer gleichberechtigten Teilhabe am Bildungssektor sind sie weit entfernt. Dies ergab eine Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma, die am Mittwoch in der Kinderkommission vorgestellt wurde.

13 Prozent von 261 befragten Sinti und Roma ab 14 Jahren seien nie in der Schule gewesen, sagte Jane Schuch vom Erziehungswissenschaftlichen Institut der Berliner Humboldt-Universität. 44 Prozent der Befragten haben nach ihren Worten die Ausbildung abgebrochen. Dabei fördere der "alltäglich erlebte Antiziganismus" noch die Misere: Sprüche wie "Neben dem Zigeuner möchte ich nicht sitzen" oder "Aus Dir wird eh nichts" zählten dabei noch zu den harmlosen Varianten.

Die Sinta Jane Simon berichtete den Abgeordneten von solcher Diskriminierung aus eigener Erfahrung. Bevor die junge Frau im Alter von 20 Jahren das erste Mal die Schulbank drückte, musste sie "feststellen, dass die Mehrheitsbevölkerung uns für primitiv hielt und sogenannte Wissenschaftler sagten, Sinti und Roma seien nur bis zwölf Jahre aufnahmefähig". Simon wollte das Gegenteil beweisen - inzwischen hat sie ihr Abitur gemacht und will nun als "Bildungslotsin" anderen Sinti und Roma mehr Bildungschancen eröffnen.

Alexander von Plato, Mitautor der Studie, sieht dabei auch die Politik in der Pflicht. "Durch die NS-Politik kam es zum Bildungsbruch" bei den Sinti und Roma, argumentierte er. Die Überlebenden besäßen keine oder nur mangelnde Bildung und könnten die Jüngeren kaum unterstützen. Ohne Hilfe von außen "würden auch wir sie von der Bildung fernhalten und das Dilemma fortsetzen." Daniel Strauß vom Verband Deutscher Sinti und Roma forderte eine "Bildungskommission", die einen Aktionsplan zur Förderung der Betroffenen erarbeiten soll. Neben Bund, Ländern und Kommunen sollten darin auch Sinti und Roma vertreten sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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