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Sandra Ketterer
Demokratie von rechts nach links

BUNDESTAG Mit einem arabischen Online-Angebot soll der Aufbau des Parlamentarismus praktisch unterstützt werden

Das Layout kommt dem deutschen Besucher bekannt vor: Grau-blauer Hintergrund, schwarze Schrift auf weißem Textfeld, ein großes Foto vom Plenarsaal, ein Bild von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) darunter, daneben Texte. Hier fangen die Schwierigkeiten aber an. Denn die Schrift ist verschnörkelt, kein einziger lateinischer Buchstabe findet sich darunter. Außerdem zieht sich die Schrift von rechts nach links über die Bildschirmseite. Seit vergangenem Montag steht der Internetauftritt des Bundestages auch in arabischer Sprache im Netz.

Rund drei Monate haben der Sprachendienst und die Internetredaktion des Bundestages, zusammen mit einem technischen Dienstleister, an dem neuen Angebot gefeilt. Jetzt ist es soweit: Die arabischen Texte, die über die Aufgaben und Funktion des deutschen Parlaments, über den Gesetzgebungsprozess und die Arbeit der Abgeordneten informieren, können weltweit abgerufen werden. Das Wahlsystem wird genauso erklärt wie die Arbeit der Ausschüsse. Fotos und Grafiken sollen den Zugang zu komplizierten Themen erleichtern, etwa wie der Bundeshaushalt beraten wird oder wie Gremien arbeiten, die den Bundestag kontrollieren. Rund 370 Millionen arabisch-sprachige Menschen können das deutsche Grundgesetz jetzt in ihrer Sprache lesen - sofern sie über einen Zugang zum Internet verfügen.

Arabien im Umbruch

Die Idee dazu hatte Bundestagspräsident Lammert. Das Angebot solle eine "praktische, sehr konkrete Hilfe des deutschen Parlaments" für die Menschen sein, "die in den arabischen Staaten dafür kämpfen, Freiheit und Demokratie zu erringen und eine parlamentarische Kultur aufzubauen". Er würde sich freuen, wenn das Informationsangebot dabei unterstützen könne, betont Lammert. Freiheit zu erringen, sei schwierig genug. Nach dem Sturz eines autoritären Regimes demokratische Strukturen zu errichten, sei "eine nicht minder anspruchsvolle Aufgabe". Wie steinig der Weg sein könne, habe sich nach dem Kalten Krieg in den mittel- und osteuropäischen Ländern gezeigt. Dort hätten deutsche Parlamentarier frühzeitig ihre Hilfe angeboten. "Dieses Angebot gilt jetzt auch für die arabischen Staaten im Umbruch, und wir spüren schon jetzt ein wachsendes Interesse", sagt Lammert. Demokratie sei immer dann besonders überzeugend, wenn ihre Kultur konkret erfahren und ihre Mechanismen nachvollzogen werden könnten. Der Internetauftritt des Bundestages verfüge über "eine bemerkenswerte Fülle von Hintergrundinformationen" zu Themen wie Verfassung und Gesetzgebung.

Neues Konzept

Die Entwicklung des neuen Angebots war natürlich nicht ganz einfach. Die Beteiligten stießen auf viele kleine Hindernisse. "Schwierig war grundsätzlich die Umorientierung in der Lese- und Schreibrichtung von rechts nach links", erzählt Maika Jachmann, Leiterin der Internetredaktion des Bundestags. Auch die Sortierung der Abgeordneten-Namen sei nicht einfach gewesen: "Die deutsche alphabetische Sortierung stimmt nicht mit der arabischen überein." Außerdem konnte der deutsche Auftritt nicht eins zu eins übernommen werden. Es musste ein neues Konzept entwickelt werden, um die Seiten möglichst klar, einfach und in den Strukturen nachvollziehbar aufzubauen. "Die Texte wurden neu zusammengestellt und zugeordnet", erklärt Jachmann Details. Dann war der Sprachendienst gefragt: Er musste die Haupttexte, Bildunterschriften, Abgeordneten-Namen und alle für die Orientierung notwendigen Texte übersetzen. Keine leichte Aufgabe, denn die arabischen Dialekte unterscheiden sich zum Teil erheblich.

Für eine Auswertung der Klickzahlen, also jener Daten, anhand derer sich die Besucherzahl der Website ablesen lässt, sei es noch zu früh, sagt Jachmann. In den ersten Tagen hätten vor allem Menschen aus Deutschland die Seite besucht. Die Pressearbeit in den arabischen Ländern laufe noch. Die ersten Rückmeldungen sind aber ermutigend. "Es gab bereits einige positive Reaktionen von den Botschaften", berichtet Christian Hoose, Pressesprecher des Bundestages. Neben den deutschen Medien hätten auch alle deutschen Botschafter in arabischen Ländern Informationen über das neue Angebot erhalten. Diese könnten die Meldung dann über ihre eigenen Verteiler weiter in den Ländern verbreiten. Auch die Botschaften der arabischen Länder in Berlin seien angeschrieben worden.

Großes Interesse

Lob kommt auch von Abgeordneten: Klaus Brandner (SPD), Vorsitzender der deutsch-ägyptischen Parlamentariergruppe, hält den neuen Internetauftritt für "eine sehr gute Idee, weil ich von Besuchen in Ägypten weiß, wie sehr die Menschen daran interessiert sind, wie wir uns nach dem Krieg konstituiert haben". Das Interesse gerade am Aufbau eines parlamentarischen Systems sei sehr groß. Er sei mit Fragen beispielsweise nach Verhältnis- oder Mehrheitswahlrecht konfrontiert worden. Über das Internet, das bei den Revolutionen eine große Rolle spiele, lasse sich ein Angebot an die Menschen erstellen, "ohne dass wir Lehrmeister sind".

Brandner war Mitte Mai das letzte Mal in Ägypten. Unter anderem habe er mit Personen gesprochen, die gerade eine Partei oder eine Gewerkschaft gründeten. "Das Interesse am Aufbau einer staatlich unabhängigen Interessensvertretung ist sehr groß", sagt Brandner. "Die wollen nicht nur Freiheit, sondern auch eine Abkehr von der Vetternwirtschaft und Wohlstand für die breite Bevölkerung." Einen Besuch der deutsch-ägyptischen Parlamentariergruppe sei für Anfang des kommenden Jahres geplant. Dann habe sich in Ägypten ein Parlament gebildet und ein Austausch mit Abgeordneten sei möglich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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