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»In der Rückschau würde ich anders entscheiden«

Abgeordnete Wie einstige Bonn-Anhänger ihren Entscheid von 1991 heute sehen

Am 20. Juni 1991 stimmten 320 Abgeordnete für den Bonn-Antrag und damit gegen den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin. Nur wenige von ihnen sitzen heute noch im Deutschen Bundestag - jetzt an der Spree. Wie sehen diese Politiker heute ihre damalige Entscheidung für Bonn? Stehen sie immer noch dazu oder haben sie ihre Haltung im Licht der Zeit geändert? "Das Parlament" hat vier ehemalige Bonn-Befürworter 20 Jahre nach der Abstimmung befragt:

Herbert Frankenhauser

(65), CSU-Abgeordneter aus München:

" Ich halte auch aus heutiger Sicht mein seinerzeitiges Abstimmungsverhalten zugunsten von Bonn uneingeschränkt für richtig. An den Kaffeesatzlesereien über ,Was wäre, wenn damals....´ will ich mich wegen Sinnlosigkeit nicht beteiligen und gehe im überwiegend schönen - trotz unfreundlicher Polizisten und unglaublichen Verkehrsbehinderungen - Berlin gerne an meine Parlamentsarbeit."

Paul Friedhoff

(68), FDP-Abgeordneter aus Kleve am Niederrhein:

"Die Entscheidung ist uns allen damals nicht leichtgefallen und sie ist ja auch nur knapp ausgefallen. Ich stehe nach wie vor dazu, gegen einen doppelten Regierungssitz und gegen teure wechselseitige Behördenumzüge gestimmt zu haben. Bestandteil des seinerzeit von mir abgelehnten Entwurfs für ein Berlin/Bonn-Gesetz war die Festlegung, dass Bonn Verwaltungszentrum der Bundesrepublik Deutschland bleiben sollte; ein Teil der Ministerien sollte in Bonn verbleiben und es sollten zahlreiche Behörden nach Bonn verlegt werden. Auch aus heutiger Sicht erscheint es mir vernünftiger, alle Regierungsbehörden an einem Ort anzusiedeln. Berlin hat stark profitiert durch die Verlegung des Bundestags und der meisten Ministerien. Und so erweist sich im Nachhinein die Entscheidung für den Umzug nach Berlin als nicht falsch."

Ulla Burchardt

(57), SPD-Abgeordnete aus Dortmund:

"Für mich hat sich seit dem Umzugsbeschluss aus dem Jahr 1991 etwas Entscheidendes verändert, nämlich die Osterweiterung der Europäischen Union. Dadurch hat Berlin als Brücken- und Integrationsort in Europa eine völlig andere Bedeutung bekommen. Im nachhinein sage ich: Die Entscheidung für Berlin war richtig. Allerdings hat sich die Annahme vieler, in Berlin seien die Bundestagsabgeordneten näher an den Bürgern, als abwegig erwiesen, das sind wir schon in unseren Wahlkreisen. Bei unseren 14-Stunden-Tagen kommen wir auch nicht dazu, das interessante kulturelle und touristische Leben in dieser Stadt zu genießen. Leider hat die menschliche Kommunikation und Kollegialität in Berlin im Gegensatz zu Bonn stark abgenommen."

Klaus Brähmig

(53), CDU-Abgeordneter aus Papstdorf in Sachsen:

"Bei meiner damaligen Stimme für Bonn spielte das Kostenargument und die demokratische Tradition von Bonn mit Westbindung und europäischer Einigung eine überragende Rolle. In der Rückschau würde ich anders entscheiden. Der Umzug nach Berlin war richtig, denn der Blick der westdeutschen Abgeordneten für die Probleme Ostdeutschlands wurde geschärft. Die alte Nord-Süd-Achse Europas, der Wirtschafts-, Verkehrs- und Kulturraum von Stockholm, Hamburg, Berlin, Dresden, Wien bis Triest wurde neu belebt. Aus heutiger Sicht war Berlin die bessere Wahl. Ich halte es mit Konrad Adenauer, der sagte: ,Man kann immer seinen Standpunkt ändern, weil dir niemand verbieten kann, klüger zu werden.´"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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