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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Roter Netzwerker: Christian Lange

Verbindliches oder auch energisches Auftreten, Spaß am Organisieren oder Beschäftigung mit kniffligen Problemen - all das kennzeichnet Christian Lange. So scheint denn auch für den Schwaben die Position eines der vier Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion, die er seit Herbst 2007 bekleidet, auf den Leib geschneidert. Auch in dieser Rolle geht es gelegentlich um große Fragen der Politik, wie kürzlich im Ältestenrat bei der Debatte über das Stimmverfahren zur Präimplantationsdiagnostik (PID). "Hier wurde nicht Politik mit der Geschäftsordnung gemacht", wehrt Lange Mutmaßungen ab. Die kleine Gruppe von Befürwortern einer sehr eng begrenzten PID-Zulassung um René Röspel (SPD) wollte das traditionelle Abstimmungsverfahren nacheinander - in der Hoffnung, so Mandatsträger der unterlegenen Anträge für sich zu gewinnen. Es wurde aber, wie vom Ältestenrat einvernehmlich empfohlen, nach dem "Stimmzettelverfahren" votiert. Bei ihm stimmte das Parlament über alle drei PID-Anträge zugleich ab. Lange verteidigt das unübliche Verfahren: "In dieser sensiblen Frage gab es keinen weitestgehenden Antrag, über den laut Geschäftsordnung zuerst abgestimmt werden konnte."

Christian Lange gehörte dem siegreichen Lager um die FDP-Abgeordnete Ulrike Flach an, wonach die PID in Deutschland eingeschränkt zugelassen wird. Ihm sei es darum gegangen, den betroffenen Familien endlich Rechtssicherheit zu geben und sie "nicht im Stich zu lassen" in einer schweren persönlichen Frage: "Für mich als evangelischer Christ ist der Embryo außerhalb des Mutterleibs schützenswert, gleichzeitig weiß ich aber auch, dass in der Petrischale kein Leben ist." Kritikern, die sagen, bei der Präimplantationsdiagnostik würde nach lebenswertem und lebensunwertem Leben selektiert, entgegnet er: "Es geht nicht um Selektion. Es geht um eine Ethik des Helfens, statt einer Ethik des Strafens."

Für Lange ist der Beschluss einer begrenzten PID-Zulassung eine sehr pragmatische Lösung. Pragmatismus passt zu seinem politischen Leben: Als Sprecher der SPD-"Netzwerker" steht der 47-Jährige für entideologisierte Sachlichkeit. 1998, als Lange in den Bundestag einzog, gründeten junge SPD-Abgeordnete ihre eigene Gruppe jenseits der Parlamentarischen Linken und traditionell-konservativen "Seeheimer" in der Fraktion. Mit wichtigen Themen wie Nachhaltigkeit oder Generationengerechtigkeit hätten sich damals viele junge Abgeordnete in den alten Lagern nicht mehr repräsentiert gefühlt, sagt der gebürtige Saarländer.

Zur SPD kam er Ende 1982 mit 18. Damals empörte sich der Gymnasiast über den Wechsel vom SPD-Kanzler Schmidt zum CDU-Kanzler Kohl ohne Wahl. Das SPD-Engagement für Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung "jenseits des Geldbeutels der Eltern" nahm den Sohn eines durch den Zweiten Bildungsweg aufgestiegenen Vaters dann auch inhaltlich für die Sozialdemokraten ein.

Seit fast 13 Jahren vertritt Lange den Wahlkreis Backnang- Schwäbisch Gmünd im Bundestag. Mit Genugtuung blickt der Volljurist auf sein Leben vor der Politik zurück, 1993 bis 1998 im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium. Stolz ist Lange, dass er hier schon als 29-Jähriger als Landesbeauftragter das Land im Bundesrat vertreten durfte. Die heutige Rolle als Manager und Strippenzieher der SPD-Fraktion füllt ihn voll aus: Er ist für Abstimmungen, Präsenz und Reisen in der Fraktion verantwortlich. Die Bundespolitik macht Lange "richtig viel Freude am Gestalten", in die Landespolitik drängt es ihn nicht, obwohl er bei den grün-roten Koalitionsverhandlungen in Stuttgart dabei war.

Eine Lebensaufgabe sieht der Backnanger in der Schaffung von Transparenz in möglichst vielen Bereichen. Der "Netzwerker" war einer der Antreiber für die Offenlegung der Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten durch ein Gesetz 2005: "Wir brauchen hier eine Kultur der Offenheit statt des Schweigens", sagt er und hofft so, auch einen Beitrag gegen Politikverdrossenheit geleistet zu haben. Glaubwürdigkeit heißt einer der Grundsätze für Christian Lange, der ihn auch bei seinem PID-Entscheid angetrieben hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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