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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Hysterische Zeiten

Helmut Kohl hüllte sich nur allzu gerne in den Mantel der Geschichte. An sich wäre dies nicht außergewöhnlich, Staatenlenker träumen stets davon, die eine oder andere Seite in den Geschichtsbüchern zu füllen. Doch der Altkanzler hat diesen Traum auch gelebt. Und das sicherlich nicht, weil er noch zur Generation der plagiatsfrei-promovierten Historiker gehört. Der Pfälzer vom Rhein wusste eben noch, dass die europäische Frage "eine Entscheidung über Krieg und Frieden" ist und nicht eine über Ratings und Rettungsschirme - den "Bimbes", wie er zu sagen pflegte. Und "der Dicke" schaffte es, sich mehr oder weniger elegant durch jenen engen Spalt zu zwängen, den die Geschichte für die Deutsche Einheit öffnete. Es waren wirklich historische Zeiten.

In den Zeiten der Ziehtöchter und Ur-Enkel hingegen wird der Begriff "historisch" weniger "nachhaltig", sondern inflationär genutzt. Der politisch-mediale Superlativ macht aus jedem Reförmchen eine Jahrhundertreform, aus jedem Anekdötchen einen riesen Skandal, aus jedem Histörchen die große Historie - um nicht zu sagen die große Hysterie. Manchmal trennen eben nur ein, zwei Buchstaben die Realität vom Wunschdenken. Da müssen Staatsmänner verbal schon zum äußersten greifen, um doch noch Gehör zu finden. Nicht weniger als ein Armaggedon, das "Ende aller Zeiten", wie es in einem gleichnamigen Hollywood-Blockbuster heißt, beschwor der amerikanische Präsident in der vergangenen Woche, um die drohende Pleite der Weltmacht abzuwenden. Ob Yes-we-can-Obama das Zeug zum apokalyptischen Reiter hat, der zum Schall der Siebten Posaune über die Trümmer des Kapitols reitet, ließ sich bei Redaktionsschluss zwar noch nicht vorhersagen. Falls aber doch, dann möchten wir uns bereits an dieser Stelle dauerhaft von unseren Leserinnen und Lesern verabschieden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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