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Monika Pilath
Lebensader auf Todesstreifen

AUSSCHUSSREISE Im Schatten des Eisernen Vorhangs hat die Natur ein Refugium. Die Schrecken der Grenze verblassen

Als der Reisebus nahezu geräuschlos durch das Häusermeer südlich der Trave rollt, rutscht Gabriele Hiller-Ohm plötzlich auf ihrem Sitz nach vorn. "Genau hier war der Grenzübergang", sagt die Lübecker SPD-Abgeordnete und zeigt auf ein Stück Straße, die aussieht, nun ja, wie Straßen eben so aussehen in Deutschland. Mittelgrauer Asphalt, ein, zwei Schlaglöcher, weiße Markierungslinien. Nichts deutet darauf hin, dass hier einmal die innerdeutsche Grenze verlief. Das wissen nur Eingeweihte. Wie Hiller-Ohm. Die 58-Jährige ist im Schatten des Eisernen Vorhangs in Lübeck aufgewachsen - "mit den ständigen Mahnungen meiner Eltern, ja nicht an die Grenze zu gehen, denn das könnte meinen Tod bedeuten".

Wenige Tage nach dem Mauerbau-Jahrestag ist die Hansestadt die erste Station einer Delegationsreise des Bundestags-Tourismusausschusses entlang des Grünen Bandes. Das noch im Wendejahr 1989 geborenen Naturschutzprojekt schlängelt sich auf dem 1.393 Kilometer langen früheren innerdeutschen Grenzstreifen. Es ist der größte Biotopverbund der Bundesrepublik, 150 Naturschutzgebiete liegen in ihm oder grenzen an ihn an. Hiller-Ohm ist Mitglied der parlamentarischen Delegation und gleichzeitig Gastgeberin in ihrem Wahlkreis Lübeck. Ihre Kollegen wollen sich vor Ort über Konzepte der Grenzmuseen am früheren Todesstreifen sowie über die Entwicklung des naturnahen Tourismus informieren.

Als Mahnmal erlebbar

"Lübeck war die größte Stadt direkt an der DDR-Grenze; 40 Kilometer der Stadtgrenze lagen direkt an ihr", berichtet Hiller-Ohm ihren Gästen. Heute haben Siedlungen und Gewerbegebiete die Wunde weitgehend vernarben lassen. Sie bedauere, dass "von dem, was die ehemalige Grenze mit Todesstreifen, Selbstschussanlagen, Hundelaufanlagen und Wachtürmen ausmachte", nur noch wenig erhalten sei, sagt Hiller-Ohm. Sie selbst erinnere sich noch gut daran, wie schwer es war, die Grenze zu überwinden, wenn sie ihre Großeltern in Wismar besuchen wollte. Für nachfolgende Generationen, die sich das kaum mehr vorstellen könnten, sei es daher "wichtig, den ehemaligen Grenzverlauf als Mahnmal erlebbar zu machen".

Das ist das Stichwort für Klaus Buchin. Der 73-Jährige kümmert sich seit 20 Jahren um das "Projekt Lebensstreifen". Den Namen ziehe er dem Titel "Grünes Band" vor, sagt Buchin, denn es gehe neben dem Naturschutz eben auch um Geschichte. Er lässt den Busfahrer langsam fahren. Die Abgeordneten blicken nach links. An einem backsteinernen Turm wird an Bardowiek erinnert, "eines jener Dörfer, das innerhalb der Fünf-Kilometer-Sperrzone lag und von der DDR geschleift wurde", wie Buchin berichtet. Kein Haus des Örtchens steht mehr.

Der Reisebus fährt bei der Bundespolizeiakademie Lübeck vor. Hier hält eine Ausstellung die Erinnerung an Stacheldraht und Schießbefehl wach. Der Ausschussvorsitzende Klaus Brähmig (CDU) und Valerie Wilms (Bündnis 90/Grüne) betrachten ein Schild. "Achtung Lebensgefahr. Wirkungsbereich sowjetzonaler Minen", steht darauf. "Wer diese Gedenkstätten und Museen entlang der ehemaligen Grenze besucht und mit offenen Augen durch die Ausstellungen geht, kann sich der Brutalität des Mauerregimes nicht entziehen", sagt Brähmig.

Das nächste Ziel der Delegation, das Biosphärenreservat Schaalsee in Mecklenburg, gehört zum Wahlkreis von Hans-Joachim Hacker. Auf der Weiterfahrt reicht der SPD-Abgeordnete den Mitreisenden ein Papier. Darauf hat er Fakten zu Opfern der innerdeutschen Grenze notiert. Rund 1.600 Menschen wurden hier bis 1989 getötet. Hacker berichtet von Harry Krause, einem zehnjährigen Jungen, der 1951 beim Spielen auf dem zugefrorenen Goldensee in der Nähe Zarrentins von einem DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde. Ihm sei es wichtig, dass entlang der Grenze an Einzelschicksale wie das von Harry Krause erinnert werde, betont er wenig später im Museum "Grenzhus" Schlagsdorf bei Ratzeburg.

Mit seinem Rollstuhl kann Ilja Seifert (Die Linke) seinen Kollegen nicht zum Grenzmodell im ersten Stock folgen. Es gibt nur eine Treppe. Er freue sich, sagt Seifert, dass "eine große politische Barriere friedlich beseitigt wurde. Viele andere Barrieren sind leider noch da." Nach der Renovierung des Museums werde es auch einen Fahrstuhl geben, verspricht Klaus Jarmatz, der das Amt für das Biosphärenreservat Schaalsee leitet.

Eisvogel und Rohrdommel

Zurück im Bus erklärt Jarmatz, der Schaalsee, der wie ein Krebs in der hügeligen Landschaft liegt, sei wegen seiner Grenzlage "in keiner offiziellen DDR-Karte verzeichnet". Die erzwungene Abgeschiedenheit bescherte der Natur eine jahrzehntelange Atempause, seltene Tier- und Pflanzenarten fanden ein Refugium, rund um den Schaalsee etwa Eisvögel und Rohrdommeln. Die Natur sei das touristische Pfund, mit der die Region wuchern könne, betont Jarmatz. "Der Urlauber kann in der wunderbaren Landschaft entlang des Grünen Bandes zur Ruhe kommen, sein Leben entschleunigen", schwärmt Brähmig.

Für Entschleunigung haben die Abgeordneten keine Zeit. Nächstes Ziel ist der Harz. Dort begrüßt sie Heike Brehmer (CDU). Mit der Schmalspurbahn geht es rauf auf den Brocken. Der 1.141 Meter hohe Berg sei für sie "Sinnbild der deutschen Einheit", sagt Brehmer. Hier standen einst streng bewacht Militär- und Abhöranlagen. Bei Wanderungen hätten sie auf den Brocken geschaut, "ohne im wahrsten Sinne des Wortes auch nur daran denken zu dürfen, ihn einmal besuchen und seine herrliche Aussicht genießen zu können", sagt Brehmer, die im Harz ihren Wahlkreis hat. Die Bahn erreicht den Gipfel. Es ist sonnig, das Thermometer zeigt fünf Grad Celsius, der Wind bläst frisch. Brähmig schließt die Hirschhornknöpfe seines Lederjankers. Die nächsten Gesprächspartner warten schon.

Mehr unter: www.erlebnisgruenesband.de und www.bund.net/gruenes-band

Aus Politik und Zeitgeschichte

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