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Verena Renneberg
Das Streben nach Glück

WACHSTUMSKOMMISSION Das Bruttoinlandsprodukt allein kann Wohlstand nicht mehr abbilden

Was bedeutet Wohlstand? Geld haben, reich sein, finanzielle Unabhängigkeit, würden viele Menschen antworten. Doch ganz so einfach ist Wohlstand heute nicht mehr zu definieren. Denn: Was nützt materieller Reichtum, wenn etwa Böden und Atemluft verseucht sind, das Leben daher nicht mehr lebenswert ist? Der Wohlstand einer Nation wurde bisher anhand der Volkswirtschaft bemessen, am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wohlstand war bisher identisch mit Wirtschaftswachstum: Wächst die Wirtschaft, wächst der Wohlstand, so lautete die einfache Formel. Dass diese zu simpel ist, zeigt ein immer wieder aktuelles Beispiel: Wenn eine Ölplattform vor einer Küste leck schlägt oder explodiert, steigt das BIP, denn Rettungs-, Hilfs- und Reinigungsmaßnahmen bringen Ausgaben. Es steigt aber keinesfalls die Lebensqualität.

Wohlstandsindikator

Deshalb müssen neue Indikatoren gefunden werden, um Wohlstand zu bemessen. Aus diesem Grunde hat der Deutsche Bundestag zu Jahresbeginn eine eigene Enquete-Kommission ins Leben gerufen, die mit wissenschaftlicher Unterstützung analysiert, wie sich Reichtum neu definieren lässt. Sie trägt den Titel "Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität" und ist mit 17 Abgeordneten und ebenso vielen Wissenschaftlern besetzt. "Das BIP allein ist als Wohlstandsindikator ungeeignet", so der Ausgangspunkt der Enquete. Denn: "Es verschweigt vieles, etwa die Umweltzerstörung, aber auch Ungerechtigkeit und Unglück". Vorsitzende der Enquete-Kommission ist die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe. Sie sagt: "Unser Ziel ist es, dass Menschen ihr Glück machen können". Der Staat als Garant der Grundvoraussetzungen für individuelles Glück.

Nicht in jedem Staat der Welt besitzt der Gedanke des Glücks als höchstes Gut des einzelnen und der Gemeinschaft höchste Priorität. Allerdings kann die Tatsache, dem Bürger sein Glück zu ermöglichen, an sich schon legitimitätsbildend sein. So wurde das Streben nach Glück als individuelles Freiheitsrecht im Gründungsdokument einer der ersten neuzeitlichen Demokratien verankert, was maßgeblich zu ihrer Akzeptanz beitrug: Jeder Mensch sei vom Schöpfer mit dem unveräußerlichen Recht auf "pursuit of happiness", auf sein "Streben nach Glück", ausgestattet, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Verfassung des Himalaya-Staates Bhutan ist man noch einen Schritt weitergegangen: Hier ist sogar das Ziel des Staates, das Glück der Bürger nicht nur zu erhalten, sondern zu vermehren, in der Verfassung verankert.

Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden: Dieser Gedanke des preußischen Königs Friedrichs II. war ein Meilenstein auf dem Weg zum toleranten Staat. Doch so unterschiedlich Glück für jeden aussehen mag, so gibt es doch einige Grundlagen, die für das Glück aller Menschen gleichermaßen Voraussetzung sind.

Fragebogen

Damit Bewertungen, wie glücklich die Menschen in Deutschland sind, eine solide Grundlage erhalten, versucht die Enquete-Kommission, einen neuen Indikator zu definieren, an dem sich die Politik orientieren soll. Dazu ergreift sie ganz unterschiedliche Maßnahmen. In einer nie dagewesenen Aktion hat sie Fragebögen an deutsche Politiker verteilt, von Stadt- bis EU-Ebene, um deren Meinungen zur Indikatorensuche zu berücksichtigen. Die Ergebnisse sollen im späten Herbst vorliegen. Darüber hinaus setzt die Kommission auf Erkenntnisse der Wissenschaft. Vergangenen Montag war die Professorin Jutta Allmendinger zu einer öffentlichen Anhörung geladen. Die Präsidentin des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung referierte zum Thema "Wachstumsorientierung und Geschlechterverhältnisse". Möglichst viele Lebensbereiche sollen bei der Suche nach Glück berücksichtigt werden. Allmendinger verdeutlichte anhand zahlreicher Studien, dass ein beachtlicher Teil der Frauen in Deutschland gern arbeiten würde, auch arbeiten könnte, aber keine Betreuung für ihre Kinder findet. Daraus ergibt sich ein ungenutztes Potential von 5,6 Millionen Arbeitskräften. Allmendinger spricht sich vor der Enquete für das "finnische Modell" aus, in dem Frauen und Männer gleichermaßen 30 Stunden pro Woche arbeiten. "Die lange Teilzeit schafft mehr Lebensqualität für alle", begründet sie ihre Fürsprache.

Expertenanhörungen

In den nächsten Wochen und Monaten werden immer wieder öffentliche Expertenanhörungen renommierter Wissenschaftler stattfinden, um alle gesellschaftlichen Bereiche zu analysieren. Unter ihnen ist der US-amerikanische Ökonom Dennis L. Meadows, dessen Studie "Die Grenzen des Wachstums" seit ihrem Erscheinen im Jahre 1972 für Furore sorgte - und noch heute von Ökonomen und Soziologen diskutiert wird. Meadows wird am 24. Oktober zu Gast sein.

Am 21. März kommenden Jahres wird die Kommission ein Symposium mit dem Titel "Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität - ein neuer Kompass für Politik und Gesellschaft" ausrichten. Es zeigt, wie hoch gesteckt der Anspruch der neuen Kommission ist. Das Symposium richtet sich an die Fachöffentlichkeit und wird vom Präsidenten des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert (CDU), eröffnet. Als eine große "Wertschätzung" wertet Daniela Kolbe die Zusage des Bundestagspräsidenten: "Er hat deutlich gemacht, dass es ein sehr wichtiges Thema für ihn ist".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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