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Kristin Lenz
Schwieriger Neuanfang

Ausstellung Bundestag zeigt »Angekommen - Die Integration der Vertriebenen in Deutschland«

Vertrieben, erschöpft und mittellos kamen Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen deutsche Flüchtlinge aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa in das kriegszerstörte Rest-Deutschland. Die Neuankömmlinge waren nicht überall willkommen, vielen Alteingesessenen erschien die Eingliederung der Vertriebenen unmöglich. Fehlender Wohnraum, überfüllte Flüchtlingslager, prekäre Versorgungslage, soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung bestimmten zunächst den Alltag. Rückblickend zählt die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen zu den schwierigsten Aufgaben, die Deutschland nach 1945 gemeistert hat. Dieser Integration der zwölf bis 15 Millionen Deutschen, die bis weit nach Ende des Zweiten Weltkrieges von Flucht und Vertreibung betroffen waren, widmet sich die Ausstellung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung "Angekommen - Die Integration der Vertriebenen in Deutschland" im Paul-Löbe-Haus des Bundestages.

Bodenloses Versäumnis

Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) eröffnete die Ausstellung in der vergangenen Woche mit einem Zitat von Günter Grass aus dem Roman "Im Krebsgang": "Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos." Lammert bekräftigte die Notwendigkeit der Erinnerung an die vielen persönlichen Schicksale. Gleichzeitig erinnerte er aber auch an die Lehren, die aus der damaligen Zeit zu ziehen seien. Als ein Thema, das nicht nur zeitgeschichtliche Bedeutung habe, sondern eine aktuelle politische Herausforderung darstelle, benannte Lammert die Frage, unter welchen Bedingungen erzwungene Migration in Integration umgesetzt werden könne.

Wirtschaftswunder

In drei Abschnitten zeigt die Ausstellung die Situation der Menschen in Deutschland von der Ankunft der Flüchtlinge über die Integrationsbemühungen der ersten Jahre durch die Wirtschaftswunderzeit bis hin zur Gegenwart. Bereits seit 1944 strömten deutsche Flüchtlinge aus den baltischen Gebieten, Rumänien, Jugoslawien, Ungarn, Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nach Deutschland. Bis zum Jahr 1950 waren es fast zwölf Millionen Vertriebene. Mecklenburg hatte mit 41,7 Prozent den prozentual höchsten Bevölkerungsanteil an Flüchtlingen. Mit fast zwei Millionen so genannten Neubürgern hatte Bayern in absoluten Zahlen den höchsten Bevölkerungszuwachs. So große Flüchtlingszahlen blieben nicht ohne Folgen. In den Anfangsjahren prägten Wohnungsnot, Arbeitskonkurrenz, Ablehnung und Fremdheit den Alltag der deutschen Vertriebenen. Städte, Landkreise und Kommunen versuchten, möglichst wenige Flüchtlinge aufzunehmen. Dialekt und kulturelle Eigenheiten der Alt- und Neubürger erschwerten den Prozess.

Nach der Währungsreform 1948 setzten dann aber industriestarke Gemeinden auf die Ansiedlung von Vertriebenen als Arbeitskräfte. Das gemeinsame Interesse am Wiederaufbau erleichterte in den 1950er Jahren die Integration. Das Wirtschaftswunder ermöglichte die Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse und den sozialen Aufstieg. Existenzgründungen durch Vertriebene etablierten im Westen Deutschlands bis dahin nicht ansässige Wirtschaftszweige.

Die Ausstellung beschreibt die verschiedenen Lebenssituationen in den Besatzungszonen und die gesetzliche Rahmenbedingungen ebenso wie die sich in den 1950er und 1960er Jahren etablierende Erinnerungskultur der Vertriebenen. Historische Dokumente, Fotografien und Zeitzeugenberichte vergegenwärtigen den schwierigen Weg zum Miteinander der Vertriebenen und Alteingesessenen. Die Ausstellung erzählt vom Leid der Betroffenen und von Mangelernährung, genauso aber auch von Alltagsfreuden, persönlichen Erfolgen und gegenseitiger Hilfsbereitschaft.

Benennbare Ursachen

Das Schicksal dieser Menschen gehöre zu den Tragödien des 20. Jahrhunderts, die man weder vergessen noch verschweigen und schon gar nicht verdrängen dürfe, betonte Lammert. Gleichzeitig dürfe aber auch nicht vergessen werde, dass diese Tragödie nicht wie ein unabwendbares Naturereignis über die Menschen gekommen sei. Sie habe benennbare Ursachen. Zur Aufarbeitung und zur Vermittlung der eigenen Geschichte gehöre, die Ereignisse zu dokumentieren, die nach und in Folge des Zweiten Weltkrieges stattgefunden haben und die nicht nur das Schicksal von Millionen Menschen bestimmt und geprägt haben, sondern auch eine "wesentliche Rahmenbedingung für den Aufbau unseres Landes gewesen sind".

Die gelungene gemeinsame Kraftanstrengung habe einen maßgeblichen Anteil am Erfolg der Bundesrepublik, sagte Lammert. Der Wiederaufbau sei auch in wesentlichem Umfang eine Leistung der vielen aus ihrer angestammten Heimat Vertriebenen. Die Integration habe große politische, soziale und konfessionelle Veränderungen in der Gesellschaft mit sich gebracht. Da den allermeisten, die weit nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, "die Bedingungen nicht im Bewusstsein sind, unter denen der wirtschaftliche und politische Aufbau Deutschlands stattgefunden hat", sei "die Erinnerung notwendig und gehöre zu den Erfahrungen, die wir schon deshalb pflegen müssen, weil sie nicht mehr zu den biografischen Erfahrungen der heute Lebenden zählen", würdigte Lammert die Bedeutung der Ausstellung.

Bittere Erfahrung

Dass dies keine lineare Erfolgsgeschichte gewesen sei, sondern für viele eine zusätzliche Leidenserfahrung, eine bittere Erfahrung, das dürfe nicht vergessen werden, betonte die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und Vorsitzende der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen", in ihrem Grußwort. Die Bedeutung dieses größten Bevölkerungsumbruchs in der deutschen und europäischen Geschichte sei vielen nicht bewusst.

Unter den Bedingungen des zwangsweisen Miteinanders der Anfangszeiten hätten die Deutschen "zueinander gefunden", unterstrich Steinbach. Aus den vielschichtigen Kulturen der Alt- und Neubürger sei ein neues Miteinander, eine neue Identität entstanden. Die Vertriebenen hätten die Bundesrepublik in politischer, sozialer und konfessioneller Art entscheidend geprägt, fügte die CDU-Parlamentarierin hinzu.

Nach "Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" und "Die Gerufenen. Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa" ist dies die dritte Wanderausstellung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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