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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Der Euro-Rebell: Klaus-Peter Willsch

Unentwegt klingelt das Telefon im Bundestags-Büro von Klaus-Peter Willsch. Rundfunksender wollen ihn haben, Zeitungen sind an der Strippe. Der "Peter Gauweiler" der CDU in der Unionsfraktion ist wieder einmal bundesweit gefragt: Denn erneut drehte sich im Bundestag vergangene Woche alles um die Euro-Rettung, wieder gab es eine Regierungserklärung der Kanzlerin, erneut eine Abstimmung im Plenum. Und wieder votierte der hessische CDU-Abgeordnete Willsch mit wenigen "Getreuen" in der Fraktion gegen die "große Linie" der Euro-Retter. Diesmal ging es um den Hebelmechanismus des erweiterten Rettungsschirms EFSF. "Wir müssen endlich aufhören, Schulden mit noch mehr Schulden zu bekämpfen", empört sich der 50-Jährige, der seit 1998 für den Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg im Bundestag sitzt.

Willsch war von Anfang an gegen die Euro-Rettungspolitik, er stimmte 2010 gegen die Griechenlandhilfe und den ersten Rettungsschirm und kürzlich gegen den erweiterten Schirm. Mit der Schaffung des EFSF seien "über Nacht alle Regeln gebrochen worden", sagt Willsch. Alles, was Politiker den Deutschen bei der Abschaffung der D-Mark in den Neunzigern versprochen hätten - unter anderem keine Haftung für die Schulden anderer Staaten -, sei über Bord geworfen worden. Man befinde sich "auf dem Weg zu einer Schuldenunion". Dabei wolle er nicht mitmachen.

Auch wenn die Parteioberen zur Disziplinierung große Geschütze herausholen, von Krieg oder Frieden reden, beziehungsweise vom Ende der schwarz-gelben Koalition: Klaus-Peter Willsch lässt sich nicht beirren. Der evangelische Landwirtssohn sieht sich beim Euro in der Tradition eines "freien Bauern, der über sich nur noch den lieben Gott als Herrn" habe. "Wenn man sich hier einmal entschieden und dies ausgesprochen hat, macht einen das auch freier", unterstreicht Willsch.

Man kann den Eindruck gewinnen, der Abgeordnete genießt mittlerweile das Markenzeichen eines "Euro-Rebellen" in seiner Partei, in der Europa sehr viel gilt. Bislang galt der Haushaltspolitiker eher als Hinterbänkler, allenfalls durch sein Spezialthema Luft- und Raumfahrt Experten bekannt. Jetzt ist er bundesweit in aller Munde. Seine kritische Rede bei der Debatte über den erweiterten Rettungsschirm Ende September sahen Millionen im Fernsehen. Und die Basis daheim im Hessischen feuert ihn an: "Bleib standhaft", hört Willsch immer wieder. Er lebt derzeit in zwei Wirklichkeiten: der Welt 90-prozentiger Zustimmung der Bürger in seinem Wahlkreis für seine beharrliche Kritik an der Euro-Rettung, und der anderen Welt ebenso großer Ablehnung seiner Haltung in der Unionsfraktion in Berlin. Dort wachse aber der Unmut immer mehr, konstatiert er.

Kommen ihm Selbstzweifel? "Natürlich frage ich mich auch, ob ich richtig liege", räumt Willsch ein. Der Diplom-Volkswirt, der nach dem Studium zunächst bei der Frankfurter Flughafen AG arbeitete, spricht viel mit Wirtschafts-Professoren. Die gäben ihm aber durchweg Recht. Auch durch die harte Realität immer neuer Rettungsaktionen mit steigenden Geldeinsätzen bis nun hin zu Billionenbeträgen sieht er sich bestätigt. Das macht ihm und vielen Wählern Angst. Willsch: "Wir gehen bisher nicht an die Wurzeln des Übels heran, die Verschuldungspolitik von Staaten." Er sieht sich auch als Sachwalter künftiger Generationen, denen er nicht Riesenschulden durch die Euro-Rettungspolitik aufhalsen will. Diese Gefahr hält er für real, entgegen aller Beschwichtigungen der Regierung.

Dabei denkt er auch an seine fünf Kinder. Mit zwei Töchtern und einem Sohn wohnt er mit seiner Ehefrau auf einem umgebauten Bauernhof im hessischen Hohenstein. Der joviale Willsch sieht sich als Konservativer und hat sich durch seine geradlinige Art in Zeiten stromlinienförmiger Politkarrieren vor Ort Respekt auch bei politischen Gegnern erworben. Die Basis steht jedenfalls weitgehend hinter dem langjährigen CDU-Kreischef von Rheingau-Taunus, nach Fulda sicherster Bundestagswahlkreis der Hessen-CDU. All das fördert unabhängige Positionen. Willsch, der seine Zigaretten gerne selbst dreht, findet Entspannung beim Wandern und Skifahren. Mit dem Euro hat er "sein" Thema gefunden. Es wird ihn nicht mehr loslassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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