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ORTSTERMIN: IM MAUER-MAHNMAL DES BUNDESTAGES
Tatjana Heid
»Den Opfern ein Gesicht geben«

Jörg Hartmann ist ein schmaler Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Er ist schüchtern und wenn die Lehrerin ihn lobt, freut er sich. Jörgs Mutter lebt in der Psychiatrie, er wächst bei seiner Großmutter auf. Die Wohnung ist dunkel, Erdgeschoss in einem Berliner Hinterhaus. Chris Gueffroy wollte Pilot werden, arbeitet aber als Kellner. Er ist sportlich, ein fröhlicher 20-Jähriger.

Zwei unterschiedliche Menschen, zwei unterschiedliche Leben und ein Schicksal: Beide werden bei ihrem Fluchtversuch über die Berliner Mauer als Republikflüchtlinge ermordet. Jörg Hartmann war zehn Jahre alt, als er am 14. März 1966 nahe der Kleingartenkolonie "Sorgenfrei" an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Treptow und Berlin-Neukölln erschossen wurde. Er wollte zu seinem Vater nach West-Berlin. Chris Gueffroy wurde am 5. Februar 1989 im gleichen Abschnitt der Grenze erschossen.

Die beiden sind zwei von mindestens 136 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Mauer umgekommen sind. Zwei von denen, an die das "Gedenkbuch für die Opfer der Berliner Mauer" erinnert. Vergangenen Mittwoch - am 9. November, dem Tag, an dem vor 22 Jahren die Mauer fiel - stellte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) das Buch vor, das fortan im Mauer-Mahnmal im Elisabeth-Lüders-Haus ausliegen wird. "Wir wollen den Opfern ein Gesicht geben", sagte Thierse. Bei den 136 Menschen handelt es sich um DDR-Flüchtlinge und Menschen, die ohne Fluchtabsicht im Grenzgebiet ums Leben kamen. Auch acht im Dienst getötete Grenzsoldaten werden genannt. Die historische Aufklärung bleibe notwendig, betonte Thierse. Denn Betroffenheit, die bloß ratlos mache, und Wissen, das folgenlos bleibe, seien wirkungslos.

Anschließend erzählten die Mutter von Chris Gueffroy, Karin Gueffroy, und die Lehrerin von Jörg Hartmann, Ursula Mörs, von den beiden Menschen, die so sinnlos starben. Sie berichteten, wie sie von ihrem Tod erfahren haben, wie das SED-Regime versuchte, die wahre Todesursache zu verschleiern, von der Zeit danach. Beide Frauen gingen in den Westen: Karin Gueffroy mit Erlaubnis der Behörden, die Urne ihres Sohnes blieb als Pfand in Ost-Berlin. Ursula Mörs flüchtete in einem Wohnwagen über Bulgarien.

Unter den Zuschauern im Mahnmal waren auch Angehörige von weiteren Mauertoten: zum Beispiel Heiko Kliem. Sein Vater wurde 1970 erschossen - weil er sich mit dem Motorrad verfahren hatte und plötzlich im Grenzgebiet war. Er wendete und fuhr zurück. Der Torwächter schoss ihm in den Rücken. Heiko Kliem war damals ein Jahr alt. Das Mauer-Mahnmal, das Gedenkbuch - es war eine bedrückende Veranstaltung für ihn. Lange stand er an der Spree und rauchte. "Die Mauer hat viele Leben zerstört", sagte Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für zeithistorische Forschung, das zusammen mit der Stiftung Berliner Mauer für das Gedenkbuch verantwortlich ist. Den Auftrag hat der Kunstbeirat des Bundestages gegeben.

Das Mauer-Mahnmal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Auf der Internetseite des Bundestages kann man außerdem einen virtuellen Rundgang unternehmen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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