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Sandra Ketterer
Ungewisse Zukunft

HOCHSCHULEN Parlamentarier und Experten bewerten die Berufssituation des wissenschaftlichen Nachwuchses unterschiedlich. Handlungsbedarf sehen sie alle

Der Karriereweg von Wissenschaftlern an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist mitunter steinig: So können sich Doktoranden oft schon glücklich schätzen, einen Arbeitsvertrag für eine Teilzeitstelle bis zu drei Jahren zu erhalten. Aber auch mit dem "Dr." vor dem Namen wird der Arbeitsmarkt nicht automatisch berechenbarer. Forscher und Lehrende, die keine feste Stelle als Professor erhalten, werden ebenfalls oft nur für einige Monate oder wenige Jahre angestellt.

Mit der schwierigen Karriereplanung von Forschern befasste sich am vergangenen Mittwoch der Forschungsausschuss des Bundestages. Die Parlamentarier hörten Experten über das Wissenschaftszeitvertragsgesetz an. Dieses bildet seit 2007 die rechtliche Grundlage für die befristeten Arbeitsverträge von studentischen Hilfskräften, Doktoranden und sogenannten "Post-Docs", also promovierten Mitarbeitern. Insgesamt zwölf Jahre kann wissenschaftliches und künstlerisches Personal befristet angestellt werden: sechs Jahre bis zur Promotion, sechs weitere Jahre danach.

Georg Jongmanns von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), die das Gesetz für das Bundesforschungsministerium ausgewertet hat, berichtete zwar von einer weitgehenden Zufriedenheit in den Einrichtungen. An einigen Stellen könne aber nachgebessert werden. So sei nicht eindeutig geregelt, ob für studentische Aushilfen der Bachelor- oder Masterabschluss für die Befristung ausschlaggebend sei.

Für Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist der gegenwärtige Zustand hingegen nicht haltbar. Die Zahl der Professorenstellen sei von 1997 bis 2010 um gerade einmal fünf Prozent gestiegen, während die Zahl der Studierenden um 21 Prozent zugenommen habe, klagte er. Es gebe deutlich mehr wissenschaftliche Mitarbeiter als früher, allerdings würden nicht mehr unbefristete Stellen geschaffen. Im Jahr 2005 seien auf einen unbefristet Beschäftigten vier befristet Angestellte gekommen. Fünf Jahre später habe sich das Verhältnis auf eins zu acht verschlechtert. Keller forderte Tariffreiheit für wissenschaftliches Personal. Darüber hinaus sei ein Gesetz notwendig, in dem die Mindestlaufzeit von Verträgen festgelegt werde.

Kritische Finanzlage

Ursula Nelles, Jura-Professorin und Rektorin der Universität Münster, sieht keinen grundsätzlichen Fehler in befristeten Verträgen. "Geben sie keine Befristung vor, erweisen sie den Betroffenen einen Bärendienst", sagte sie. Ein gewisser Zeitdruck sei für eine Doktorarbeit förderlich - sonst werde sie nie abgeschlossen. Die Situation auf dem Stellenmarkt sieht allerdings auch sie kritisch. Schuld daran sei die Finanzlage der Hochschulen. Die Zahl der Absolventen, die promovieren wollten und dazu fähig seien, steige. Die Zahl der verfügbaren Stellen aber nicht. "Auf eine wissenschaftliche Stelle setzt man häufig vier Doktoranden", schilderte Nelles die Situation. Die Hochschulen seien angehalten, mehr Drittmittel einzuwerben. Die institutionelle Förderung werde dagegen zurückgefahren. Drittmittel seien aber im Gegensatz zur institutionellen Förderung projektgebunden und zeitlich begrenzt. Ein weiterer Faktor sei die Unberechenbarkeit unbefristeter Stellen. Werbe ein Professor für einen seiner Mitarbeiter, zögerten viele Hochschulleitungen. Der Professor wechsle vielleicht nach vier Jahren die Universität. Sein wissenschaftliche Mitarbeiter aber bleibe eventuell 25 Jahre - und ein neuer Professor könne sich unter Umständen nicht mit ihm anfreunden, argumentierte Nelles.

Der Abgeordnete Tankred Schipanski (CDU) zog nach dem Expertengespräch eine gemischte Bilanz. Seine Kollegen und er überlegten, wie etwa ein automatischer "Gleichlauf zwischen Projektbefristung und Befristung einer Stelle" zu erreichen sei. "Wir regen eine Selbstverpflichtung vor allem im Hochschulbereich an", sagte Schipanski. Bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen werde diese Möglichkeit erfolgreich genutzt. Besonders für "Post-Docs" müsse ein neuer Weg neben den Professorenstellen geschaffen werden.

An diesem Punkt sieht auch sein Kollege Martin Neumann (FDP), selbst seit 1999 Professor, Handlungsbedarf. Grundsätzlich befürworte er aber befristete Stellen für Forscher. "Ein gewisser Druck muss da sein", argumentiert Neumann. Der Wissenschaftsbetrieb lebe davon, dass immer wieder neue Mitarbeiter mit neuen Ideen hinzukämen. Ein Problem sieht er in der unterschiedlichen Finanzierung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Letztere würden vom Bund gefördert und erhielten wachsende Budgets. Erstere fielen in die Zuständigkeit der Länder und hätten mit immer knapperen Kassen zu kämpfen.

Kritik an Tarifsperre

"Ich habe den Eindruck, dass mindestens die Tarifsperre weggehört", meinte Swen Schulz (SPD). "Dann müssen wir überlegen, ob nicht doch Gesetzesänderungen notwendig sind." Seine Fraktion müsse die Informationen aber erst einmal in Ruhe auswerten. Er frage sich, ob die Begründung der Hochschulen, viele Verträge könnten aufgrund der Drittmittel nur befristet abgeschlossen werden, zumindestens teilweise eine Ausrede sei. Denn die Auswertung der HIS habe schließlich ergeben, dass die Verträge manchmal über einen kürzeren Zeitraum abgeschlossen würden als die Projekte finanziert seien. "Bevor man aber zu Ergebnissen kommt, muss man die Grundsatzfrage stellen", sagte Schulz: "Welche Unterschiede zur freien Wirtschaft sind tatsächlich gerechtfertigt?"

Für eine Aufhebung der Tarifsperre plädiert auch die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Außerdem müssten die Befristungen wegen der Drittmittelfinanzierung eingeschränkt werden.

"Wissenschaftlern, die alle sechs Monate um einen neuen Vertrag kämpfen, wird eine hochqualitative Forschung und eine gute Lehre unmöglich gemacht", mahnte Petra Sitte (Die Linke). Für sie stellen die ständigen Befristungen schlicht eine "Ausbeutung junger, hochqualifizierter Menschen" dar. Sitte plädierte für eine Aufhebung der Tarifsperre und eine Mindestlaufzeit für Verträge. Die schlechter werdende Finanzierung der Hochschulen und Forschungseinrichtungen sei ein Grund für die Situation, fehlende Personalentwicklungskonzepte ein anderer.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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