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Alexander Weinlein
Virtuelle Heimat für Goethe und Cranach

KULTUR Bundestag fordert zügigen Ausbau der Deutschen Digitalen Bibliothek

Die Deutschen verstehen sich selbst gerne als Volk der Dichter und Denker, als Kulturnation. Doch am nationalen Kulturerbe nagt der Zahn der Zeit. Papier ist zwar geduldig, aber es zerfällt Stück für Stück im Verlauf der Jahrzehnte. Im schlimmsten Fall werden Bücher, Notenblätter, Gemälde und andere Kulturgüter ein Opfer der Flammen wie beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im September 2004 in Weimar. Beim Kampf gegen den Verlust unersetzlicher Kulturgüter und des damit verbundenen Wissens verspricht ihre Digitalisierung zumindest Hilfe. Und ein weiterer Vorteil lockt, wenn Goethe und Schiller, Lukas Cranach und Otto Dix sich in der virtuellen Welt wiederfinden. Ihre Werke werden mehr oder weniger unabhängig von Raum und Zeit über einen vernetzten Computer für jedermann zum Lesen und Betrachten verfügbar sein.

Allerdings stellt die Erfassung und Umsetzung des deutschen Kulturerbes in den digitalen Code ein gewaltiges und teures Projekt dar. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB), deren Aufbau im Jahr 2009 von der Bundesregierung und der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossen worden war. Die digitalisierten Werke aus 30.000 deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sollen unter ihrer Koordination der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und für die Nachwelt erhalten werden.

Der Bundestag forderte die Bundesregierung am vergangenen Donnerstag auf, den Auf- und Ausbau der DDB zügig voranzutreiben. Zudem soll sie prüfen, inwieweit zusätzliche Finanzierungshilfen in der Privatwirtschaft oder auf EU-Ebene gewonnen werden können. Ebenso müsse das Urheberrecht reformiert werden, um die Digitalisierung von verwaisten Werken, bei denen die Urheberrechte nicht geklärt sind, zu ermöglichen. Den entsprechenden gemeinsamen Antrag der CDU/CSU und FDP (17/6315) verbschiedete das Parlament mit den Stimmen der Koalition. Der Opposition ging der Antrag nicht weit genug. SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen hatten eigene Anträge (17/6296, 17/6096, 17/8164) vorgelegt, in denen sie von der Regierung eine umfassende Strategie zur Digitalisierung des Kulturerbes und eine langfristige Finanzplanung fordern.

Einigkeit besteht aber zwischen allen Fraktionen darüber, dass die öffentliche Hand die Kosten nicht alleine stemmen kann. Es müssten Kooperationen mit der Wirtschaft gefunden werden.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft beziffert die jährlichen Kosten auf circa 30 Millionen Euro, um die Digitalisierung des Kulturerbes zu sichern. Der Deutsche Bibliotheksverband sieht allein für seinen Bereich einen jährlichen Investitionsbedarf von zehn Millionen Euro. Bund und Länder stellen der DDB derzeit jährlich 2,6 Millionen Euro zur Verfügung. Die Forderung nach einer Gesamtstrategie und einer Erhöhung der finanziellen Mittel war am vergangenen Mittwoch auch von Experten in einem Fachgespräch des Kultur- und Medienausschusses erhoben worden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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