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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Straßburg reloaded

Für die Liebe Gottes und des christlichen Volkes und unser aller Erlösung, von diesem Tage an, soweit mir Gott Wissen und Können gibt, werde ich meinem Bruder Karl beistehen, sowohl in der Hilfeleistung als auch in jeder anderen Angelegenheit, so wie man seinem Bruder beistehen soll, auf dass er mir genauso tue, und ich werde niemals ein Abkommen mit Lothar treffen, das willentlich meinem Bruder Karl zum Schaden sei."

Kennen Sie diese Zeilen? Nein? Sollten Sie aber! Dies schworen sich am 14. Februar 842, vor genau 1.170 Jahren, die Enkel Karls des Großen, Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle, im Angesicht ihrer Heere in Straßburg, um ihren Bruder Lothar endgültig in die Schranken zu weisen. Und jeder der beiden Könige schwor dies in der Sprache des anderen: Karl auf Althochdeutsch und Ludwig auf Altfranzösisch. Diese "Straßburger Eide" gelten als die erstmals greifbare sprachliche Trennung der Franken in ein westfränkisches- und ostfränkisches Reich. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Kaum war der gemeinsame Feind besiegt, folgten Jahrhunderte der Konfrontation entlang des Rheins zwischen den Brudervölkern.

Kommt es Ihnen jetzt bekannt vor? Nein? Dann erzählen wir die Geschichte mal anders. Angela die Deutsche und Nicolas der Kahle - mit Blick auf seine Umfrageergebnisse und die Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit darf man ihn wohl so nennen - schwören sich im gemeinsamen Interview Hilfe "sowohl in der Euro-Krise als auch im Wahlkampf, so wie man seinem Bruder beistehen soll, auf dass er mir genauso tue..." Wächst da zusammen, was einst zusammen gehörte? Ist "Merkozy" etwa der auferstandene Karl der Große beziehungsweise Charlemagne, wie ihn die Franzosen nennen? Doch wer ist Lothar in der Geschichte? Und was passiert, wenn er besiegt ist? Hoffentlich wiederholt sich Geschichte wirklich nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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