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Interview mit Rita Süssmuth
»Europa muss erhalten bleiben«

RITA SÜSSMUTH Die langjährige Bundestagspräsidentin über ihre Erfahrungen mit Einheit und Einigungsprozess

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Frau Präsidentin - vergangene Woche konnten Sie Ihren 75. Geburtstag feiern. Wenn Sie zurückdenken an Ihre Kindheit - haben Sie noch Erinnerungen an die Kriegsjahre?

Starke Erinnerungen - etwa an die furchtbaren Bombennächte in Wuppertal. Oder die Angst um meinen Vater, der Soldat war.

Dann kamen der Kalte Krieg und im Westen der europäische Integrationsprozess. War der eher eine Lehre aus den Weltkriegen oder mehr eine Antwort auf den Kalten Krieg?

Für mich war er eher eine befreiende Lehre aus zwei Weltkriegen. Beim Kalten Krieg ging es mehr darum, wie wir ihn überwinden und zu neuen Modellen finden.

Gehörte zum Bemühen um eine Überwindung, dass Sie 1988 noch am Tag Ihrer Wahl zur Bundestagspräsidentin nach Warschau reisten?

Ich hatte mich zuvor schon engagiert um unsere Beziehungen zu Frankreich und Israel bemüht. Die Frage war nun, wie wir auch zu einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn finden. Bei meiner ersten Reise ging es darum, die Bemühungen um Entspannung voranzubringen. Für mich war ein politisch freundschaftliches Verhältnis mit Polen von größter Bedeutung.

Im Oktober 1989 reisten Sie mit Frankreichs damaligen Parlamentspräsidenten Laurent Fabius nach Moskau zu Michail Gorbatschow - eine Demonstration deutsch-französischen Zusammenhalts als Beispiel überwundener Feindschaft?

Ja - das hat ein deutliches Zeichen gesetzt: Dass Deutsche und Franzosen gemeinsam an Verständigung und Ausgleich arbeiten. Die Mauer war ja noch nicht gefallen. Es war wichtig, Gorbatschow zu zeigen, dass wir an einem europäischen Strang ziehen. Wir verständigten uns, gemeinsam etwas zu be- wirken.

Am 4. Oktober 1990 eröffneten Sie die erste gesamtdeutsche Bundestagssitzung -war das der "Gipfel" Ihrer Arbeit?

Der "Gipfel" war am 9. November 1989, als mit dem Mauerfall das von den meisten Unerwartete eintrat. In meinen Wahlkreis Göttingen, nah an der Grenze, lagen wir uns in den Armen, mit Menschen, die ich ja gar nicht kannte. Später begleitete der Bundestag in einem deutsch-deutschen Ausschuss die Arbeit am Einigungsvertrag. Dabei hat es auch Fehler gegeben, doch gemessen an dem, was uns Deutschen geschenkt worden ist, fallen sie weniger in Betracht.

Deutsche Einheit und europäische Einigung werden oft als zwei Seiten einer Medaille gesehen. Konnte der Bundestag da Akzente setzen?

Nehmen Sie als Beispiel die Einladung an den damaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, 1995 im Bundestag die Gedenkrede zum 50. Jahrestag des Kriegsendes zu halten. Bartoszweski brachte in seine ergreifende Rede so viel Zeichen des künftiges Miteinanders - ohne Vergessen - ein, dass mich dies auch emotional sehr bewegte. Mit wichtigen anderen Solidarnosc-Vertretern hat er eine Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung in einem geeinten Europa vorangetrieben. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl war es ganz wichtig, Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei den Weg in die EU zu öffnen.

Wenn Sie einen Geburtstagswunsch frei hätten...

...wünschte ich mir, dass dieses Europa nicht auseinanderbricht - dass die EU erhalten bleibt und sich weiterentwickelt. Gewiss: Derzeit geht es um den Euro. Es geht aber auch darum, was Europas Herausforderungen sind: Erweiterung und Integration. Europa als Idee und politische Realität - das muss erhalten bleiben.

Das Interview führte Helmut Stoltenberg.

Rita Süssmuth (CDU), Bundes-

familienministerin von 1985 bis 1988, war anschließend bis 1998 Präsidentin

des Deutschen Bundestages, dem sie von

1987 bis 2002 angehörte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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