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Katrin Gänsler
Gaddafis langer Schatten

PUTSCH

Vermutlich ist die Armee selbst überrascht gewesen: In Mali hat vor dem 21. März wohl niemand damit gerechnet, dass eine Gruppe von Unteroffizieren plötzlich die Macht ergreift. Die ersten Auftritte des eilig gegründeten "Nationalkomitees" wirkten unbeholfen. In der Bevölkerung der Hauptstadt Bamako genießen die Putschisten um Amadou Sanogo, der nun Präsident des Nationalkomitees ist, dennoch Unterstützung. "Der Putsch war der richtige Schritt", sagt Ousmane Cissoko, Präsident der neu gegründeten Bewegung "Neue Afrikanische Kraft" (NFA). "Er könnte für einen Waffenstillstand im Norden sorgen."

Dort kämpfen die Regierungstruppen seit Mitte Januar eine aussichtslose Schlacht gegen die Tuareg-Armee MNLA. 200.000 Menschen sind bereits vor den Kämpfen geflüchtet. Die Tuareg, ein Nomaden-Volk, fühlen sich wiederum in Mali ausgegrenzt, ein alter Konflikt, der nie auf politischer Ebene gelöst wurde. Viele Tuareg-Söldner standen zudem einst in den Diensten des lybischen Diktators Gaddafis. Seit dessen Sturz kehren sie - mit modernen Waffen ausgerüstet - in die Länder der Sahelzone zurück. Malis gestürzter Präsidenten Amadou Toumani Touré schickte die Armee, suchte aber nicht den politischen Dialog. Sind die Putschisten bereit, mit den Tuareg zu verhandeln, könnte Bewegung in die festgefahrene Situation kommen. Dann wäre es auch möglich, eine Einheitsregierung zu bilden, die den Weg zu demokratischen Wahlen ebnet. Das zumindest ist erklärtes Ziel des Nationalkomitees. Doch daran wollen die Nachbarländer nicht recht glauben: Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS forderte die Putschisten auf, zur verfassungsmäßigen Ordnung zurückzukehren und drohte mit Sanktionen - bis hin zu einem militärischen Eingreifen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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