Inhalt

AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Vom Schwarm getrennt

Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, dann würde die Piratenpartei mit bis zu zehn Prozent ins Parlament einziehen. So zumindest prophezeien es die aktuellen Umfragen. Doch die Piraten müssen sich ernstlich fragen, ob sie überhaupt tauglich - "kompatibel" heißt das wohl bei den digitalen Internet-Junkies - sind für die analoge Parlamentsarbeit. Denn die Vorkämpfer der virtuellen Zukunft könnten im Bundestag mitunter schwierige Verhältnisse antreffen, denen sie nicht gewachsen sind. Nachdem bereits vor drei Monaten eine gewisse Babette, Wahlkreis-Mitarbeiterin einer grünen Parlamentarierin, durch eine versehentlich ausgelöste Spamflut den Mail-Server des Bundestages in die Knie zwang, schnitt in der vergangenen Woche ein Hardware-Fehler viele Abgeordnetenbüros vom weltweiten Mail-Verkehr ab. Nun stellt sich die Frage, wie zukünftige Piraten-Parlamentarier in einer solchen Notsituation reagieren würden. Wären sie politisch überhaupt überlebensfähig ohne den täglichen elektronischen "Shit-storm", den sie so gerne heraufbeschwören? Wäre ihre Psyche robust genug, um über Stunden oder gar Tage von der "Schwarm-Intelligenz" im Netz getrennt zu werden?

Die FDP-Fraktion hingegen, der in den aktuellen Umfragen ja gerne schon mal das Totenglöckchen geläutet wird, zeigte sich völlig unbeeindruckt vom Mail-Ausfall und bewies ihre in Jahrzehnten gestählte handwerkliche Professionalität. Die "herkömmliche Datenübermittlung" feiere ihre "Auferstehung" gab der FDP-Abgeordnete Patrick Kurth über Twitter kund. Faxen, Morsen und Botengänge seien jetzt wieder angesagt. Insider wollen gar beobachtet haben, dass zwischen den Büros der Liberalen ein reger Brieftauben-Flugverkehr eingesetzt hat. Bestätigt wurde diese Flurfunk-Meldung von offizieller Seite allerdings nicht - weder analog noch digital.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag