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Martin Lassack
Religiöse Minderheiten ohne Schutz

MENSCHENRECHTE

Trotz der jüngsten Angriffe auf koptische Christen in Ägypten könne von einer systematischen Verfolgung von Christen in Nordafrika und im Nahen Osten keine Rede sein - darin waren sich sechs geladene Experten vor dem Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe einig. Allerdings gebe es häufig mangelnden staatlichen Schutz und fehlende Gleichberechtigung für religiöse Minderheiten. Die Situation der Christen und anderer religiöser Minderheiten im Nahen Osten und Nordafrika war vergangene Woche Thema einer öffentlichen Anhörung.

Außer in Saudi Arabien, wo die Scharia gelte, "können Christen in allen Ländern der Region ihre Religion ungehindert ausüben", sagte der Pastor der Weihnachstkirche in Betlehem, Mitri Raheb. Nach Einschätzung von Fritz Erich Anhelm, ehemaliger Direktor der Akademie Loccum, könne von einer "systematischen Verfolgung von Religionsgemeinschaften auch in Ägypten angesichts jüngerer Angriffe auf koptisch-orthodoxe Christen keine Rede sein".

Probleme sieht Anhelm eher im "mangelnden staatlichen Schutz vor Übergriffen und einer ungenügenden Strafverfolgung durch Polizei und Justiz". Die Tatenlosigkeit staatlicher Behörden in Ägypten wurde auch von Christine Schirrmacher vom Institut für Islamfragen kritisiert. Es komme in Ägypten zu "Entführungen christlicher Mädchen, Verheiratung und Zwangskonversion", ohne dass die Polizei wirksam dagegen vorgehe. Zur Förderung friedlich-religiösen Miteinanders schlägt Schirrmacher vor, Austausch- und Begegnungsprogramme vor allem unter jungen Menschen verschiedener Religionen zu fördern. Die Möglichkeiten Deutschlands, die Position religiöser Minderheiten in der Region zu stärken, seien begrenzt, ergänzte Raheb. "Ein Eingreifen von außen wird nur Probleme schaffen."

Maria Haarmann von Misereor empfahl Dialog-Konzepte auf dem "street level" zu entwickeln. Otmar Oehring von der Fachstelle für Menschenrechte des Katholischen Missionswerks Missio sagte:"Bildung und Wohlstand sind die Grundvoraussetzungen für ein friedliches Miteinander." Er empfahl, die Fortbildung von Lehrkräften zu fördern. Da sich seit dem Arabischen Frühling in den betroffenen Ländern die wirtschaftliche Situation verschlechtert habe, brauche es "massive Unterstützung aus dem Ausland". Vor allem auch die wohlhabenden Golfstaaten sollten dazu ermutigt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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