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Birgit Svensson
Islamisten gegen alte Garde

ÄGYPTEN Am Nil werden die Stimmen für die Mubarak-Nachfolge ausgezählt. Stichwahl wird für Mitte Juni erwartet

Bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Kandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, und dem säkularen Kandidaten Ahmed Schafik ab, der einst Regierungschef des im vergangenen Jahr gestürzten Machthabers Husni Mubarak war. Zum ersten Mal konnten die Ägypter in der vergangenen Woche in freier und demokratischer Wahl über ihr Staatsoberhaupt entscheiden. Doch auch wenn die Muslimbrüder bereits ihren Kandidaten Mursi als Sieger feiern: Das amtliche Ergebnis wird erst an diesem Dienstag bekannt gegeben. Auf Meinungsumfragen ist kaum Verlass. Viele Befrager gehen nur in die Großstädte, vernachlässigen das Land und die Armenviertel. Sollte keiner der 13 Kandidaten die erforderliche Mehrheit erhalten, werden die beiden Erstplatzierten sich Mitte Juni einer Stichwahl stellen müssen.

Vier Favoriten

Die Frauen in der Warteschlange vor einem Wahllokal in der "Shara Hahram" im Kairoer Stadtteil Gizeh sind so unterschiedlicher Meinung wie der Rest des Landes. In der acht Kilometer langen Pyramidenstraße reihte sich vergangene Woche ein Wahllokal an das andere. Die Straße hat viele Schulen, und in jeder wurde gewählt. Auf der linken Straßenseite die Männer, auf der rechten die Frauen: auch am Wahltag herrscht Geschlechtertrennung. Nach den Kriterien ihrer Wahl gefragt, nannten viele die Sicherheit, die es zu verbessern gelte, aber auch wirtschaftliche Aspekte, sowie den Schlussstrich unter das alte Regime, der jetzt zu ziehen sei und schließlich die Religion. Ein breites Spektrum also, dem auch die Kandidaten entsprechen. Trotzdem konzentrierte sich das Interesse in der Pyramidenstraße auf die vier Bewerber, die allgemein als Favoriten gelten.

Die vier lassen sich in zwei Lager einteilen: "Allah" gegen "Felul", wie die Ägypter humorvoll sagen - Islamisten gegen die alte Garde. Mohammed Mursi ist der Kandidat der Muslimbrüder. Mit dem 61-jährigen Ingenieur als Präsidenten bekäme die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, die bereits als Sieger aus den Parlamentswahlen im Januar hervorging, nahezu uneingeschränkte Machtbefugnisse und könnte federführend bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung sein. Um dies zu verhindern, setzen viele Wähler, die noch im Januar die Partei der Muslimbrüder gewählt haben, jetzt auf den unabhängigen Kandidaten Abdel Moneim Abul Futuh. Seitdem er vor einem Jahr aus ideologischen Gründen mit den Muslimbrüdern gebrochen hat, repräsentiert der 60-jährige Arzt zwar nach wie vor islamische Werte, will aber einen moderaten Islam in Ägypten verwirklichen. Die beiden anderen Favoriten sprechen sich dagegen für die Trennung von Religion und Staat aus: Amr Moussa, ehemaliger Generalsekretär der Arabischen Liga und Ahmed Shafik, Mubaraks letzter Premierminister. In den Wochen des Wahlkampfs erhielt der 70-jährige ehemalige Oberkommandierende der ägyptischen Luftwaffe viel Zuspruch vor allem von Ägyptern, die um ihre Sicherheit besorgt sind. Kriminalität und Gewalt haben seit dem Ausbruch der Revolution dramatisch zugenommen. Vor allem die ländliche Bevölkerung könnte daher für einen starken Mann gestimmt haben.

Die Autorin ist freie Korrespondentin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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