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Jörg Biallas
Der Kamm schwillt

VON JÖRG BIALLAS

Jeder Häuslebauer kennt das: Es dauert länger als geplant, und teurer wird es auch. Das kostet Nerven. Aber am Ende macht die Freude über das neue Heim das erlittene Ungemach wett. Hoffentlich wird das im Fall des Berliner Flughafen-Neubaus eines Tages auch so sein. Derzeit sieht es freilich nicht danach aus. Augenscheinlich ist das Vorhaben dermaßen aus dem Ruder gelaufen, dass an ein gutes Ende niemand so recht glauben mag.

Wann ist die Eröffnung? Bloß nicht genau festlegen, wer weiß, was noch alles kommt. Und die Mehrkosten? Lieber mutmaßen als nachvollziehbar kalkulieren, irgendwo wird das Geld schon herkommen. Politische Verantwortung? Übernimmt niemand, Planungspannen auf der Arbeitsebene sind schließlich schwer kontrollierbar, eine ministerpräsidiale Entschuldigung beim Steuerzahler muss reichen. Dem schwillt derweil der Kamm. Auch, weil Dauer und Kosten des Baus nach oben schießen wie ein startender Düsenjet. Vor allem aber, weil Defizite ganz offensichtlich planmäßig vertuscht worden sind.

Die Öffentlichkeit fühlt sich verschaukelt. Zu verdenken ist ihr das nicht. Der Hinweis auf den Umstand, dass es zuhauf Großprojekte mit teuren Fehlplanungen zu beklagen gibt, ist beruhigend wie eine Sauerstoffmaske, die bei Druckabfall vom Kabinenhimmel fällt.

So ein Skandal lädt förmlich dazu ein, die Management-Qualitäten der öffentlichen Hand grundsätzlich in Frage zu stellen. Das allerdings wäre ungerecht. Fast täglich werden irgendwo im Land Projekte eingeweiht, die der Allgemeinheit zugute kommen: Straßen, Sporthallen, Radwege und vieles mehr. Bei dem ganz überwiegenden Teil dieser Neubauten ist in Rathäusern, Landratsämtern, Landes- und Bundesbehörden sehr verantwortungsbewusst mit öffentlichen Mitteln umgegangen worden. Es ist bedauerlich, dass die folgenschweren Pannen beim Ausbau des Schönefelder Flughafens dazu beitragen, all das in den Schatten des Verdachts der Unredlichkeit zu rücken.

Kein Zweifel: Deutschland und Berlin brauchen diesen Airport. Darum ist jetzt ein transparentes Krisenmanagement nötig. Es wird nicht leicht sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Misslingt dies, bleibt ein nachhaltiges Unwohlsein, das sich nicht - siehe Häuslebauer - bei der Einweihung in Luft auflöst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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