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ORTSTERMIN: PLANSPIEL JUGEND UND PARLAMENT
Götz Hausding
Eine lohnenswerte Beschäftigung

Die Pkw-Maut ist beschlossene Sache. Mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen verabschiedete der Bundestag am vergangenen Dienstag einen Gesetzentwurf, wonach auch Personenkraftwagen mit einer Mautpflicht bei der Benutzung von Autobahnen belegt werden. Gegen die Regierungsvorlage votierten die Oppositionsfraktionen von APD, PSG und ÖSP. Hoppla - hier stimmt doch was nicht. Richtig: Zwar wurde die Sitzung von der "echten" Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) geleitet. Die Abgeordneten im Plenum waren aber 304 Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren, die sich an dem Planspiel "Jugend und Parlament" beteiligt haben.

An insgesamt vier Tagen fungierten sie - mit einer anderen Identität ausgestattet - als Abgeordnete der Christlichen Volkspartei (CVP), der Arbeitnehmerpartei Deutschlands (APD), der Liberalen Reformpartei (LRP), der Partei der sozialen Gerechtigkeit (PSG) oder der Ökologisch-sozialen Partei (ÖSP). Auf die eigene politische Linie der Jugendlichen wurde bei der Aufteilung in die Fraktionen keine Rücksicht genommen. So wurde aus dem 17-jährigen Schüler Jan Stecher, einem engagierten Mitglied der Grünen Jugend Hamburg, der 48-jährige Unternehmer Erwin Schneider - Fraktionsmitglied der CVP. "Das war nicht ganz einfach", sagt der junge Mann aus Wedel. In den Ausschusssitzungen etwa habe er sich nach dem Wortbeitrag eines ÖSP-Abgeordneten zurückgelehnt und gedacht: Ja, da hat er Recht. "Dann ist mir aber wieder eingefallen, dass ich ja bei der CVP bin und dagegen anstänkern muss."

Pelle Haas wiederum ist im richtigen Leben 17 Jahre alt und Vorsitzender der Jungen Liberalen im Kreisverband Pinneberg. Für vier Tage gab er den Jürgen Trittin: Als 54-jähriges ÖSP-Mitglied Theo Carter aus Hessen wurde er von seiner Fraktion zum "Vorsitzenden in der quotierten Doppelspitze" gewählt, wie er sagt. Ein Problem hat er mit seinem Grünen-Dasein nicht: "Es ist gut, wenn man auch mal vom Standpunkt der anderen argumentiert."

Im Verlauf der Debatte im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes zeigten er und seine Mitstreiter, dass sie sich ganz an den echten Vorbildern orientieren. Es wurde polemisiert, dazwischengerufen und auf das Versagen des jeweiligen politischen Gegners hingewiesen. Am Ende standen vier Gesetzentwürfe, die mehrheitlich angenommen wurden. Zur Begeisterung der Opposition fanden sich auch ein paar Koalitionsmitglieder, die den Regierungsvorlagen ihre Zustimmung verweigerten, was dann doch im echten Leben seltener vorkommt. Und noch ein Novum erlebte der Bundestag: Mit der PSG-Abgeordneten Lara Friese, die eigentlich Clara Belz heißt, stand erstmals eine Gehörlose am Rednerpult. Zwei Gebärdendolmetscherinnen übersetzten ihre engagierte Rede zum Thema Freistellung von Arbeitnehmern zur Pflege von Angehörigen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) äußerte abschließend gegenüber den Jugendlichen die Hoffnung, dass die Tage in Berlin als "lohnend, aber auch anstrengend" in Erinnerung bleiben. "Vielleicht bleibt auch das ansteckende Virus zurück, dass Politik eine lohnenswerte Beschäftigung ist", sagte er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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