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Sandra Ketterer
Die Linien der Politik

WORKSHOP Der Künstler Matthias Beckmann zeichnet zusammen mit Schülern im Bundestag

Lily hat es eigentlich einfach. Die 15-Jährige steht im schummrigen Licht zwischen den weit über ihren Kopf hinaus gestapelten Blechkistchen im Untergeschoss des Reichstagsgebäudes. Mit Bleistift zeichnet sie eine von ihnen. Nur die Vorderseite mit dem weißen Papierschild, auf dem ein Name aufgedruckt ist. Aber selbst hier stimmt nicht alles. "Ich habe gerade gemerkt, dass ich das Schild nicht genauso hingekriegt habe wie es ist", sagt die Gymnasiastin. Und zuckt die Schultern.

Die Schülerin aus Berlin nimmt an einem Kunst-Workshop des Bundestages mit dem Künstler Matthias Beckmann teil. Beckmann hat Szenen aus dem Bundestag gezeichnet, ein Teil seiner Werke hängen bis zum 9. September in der Ausstellung "Neue Linien" im Kunst-Raum des Bundestages. Dort präsentiert der Bundestag grafische Arbeiten von zwölf Künstlern, die für die hauseigene Sammlung angekauft wurden.

Ein gefaltetes schmales Stück Papier, ein Bleistift, ein Klemmbrett als Untergrund -mehr Material brauchen die Jugendlichen heute nicht. Zunächst sitzen sie auf Kissen auf dem Boden des Kunst-Raums, versuchen die Umrisse ihrer Mitschüler zu Papier zu bringen. Die Treppe hoch zu der raumgreifenden Installation aus elastischen Fäden und zwei an die Wand gezeichneten Pentagrammen ist für viele eine genauso große Herausforderung wie die Köpfe und Körper ihrer Mitschüler.

Lily findet die Schau "total toll, weil das so moderne Kunst ist". Und dass sie mit dem Künstler, den sie vorher noch nicht kannte, heute zusammenarbeiten darf, findet sie spannend. Kein Radiergummi benutzt der, hat sie schon bemerkt: "krass".

Beckmann zeichnet immer in Umrissen, ohne Schattierungen und Farbe, nur Linie. Mal nutzt er die "Totale", bildet also Szenen aus einer größeren Distanz ab, mal fokussiert er sich auf Details. Genau das will er an diesem Tag mit den Schülern üben. "Ihr zeichnet im Detail genau", resümmiert er nach den ersten Stunden. "Aber die Abstände zwischen den Objekten stimmen nicht." Es könne ja schlecht sein, dass die Hallendecke schon zehn Zentimeter über einer Person anfange. Eigentlich, sagt er später, lasse sich in gerade einmal sechs Stunden Workshop nur sehr wenig vermitteln. "Ich sehe es eher so, dass ich ein paar Tipps gebe." Für die Schüler sei der Ausflug eine Möglichkeit, sich dem Bundestag auf eine andere Weise anzunähern. "Ich könnte mir vorstellen, dass man sich besser daran erinnern kann, was da passiert ist", sagt Beckmann. Er habe zumindest immer das Gefühl, sich durch das Zeichnen besser an Geschehnisse erinnern zu können.

Später schwärmen die Schüler in das Reichstagsgebäude aus, auf der Suche nach Motiven. Lily bleibt mit zwei Mitschülerinnen im dunklen Gang mit den Metallboxen, dem "Archiv der Abgeordneten", einem Kunstwerk, in dem jeder Abgeordnete von der Weimarer Republik bis 1999 ein Kästchen hat. Bleibt für Lily noch die Frage, welchen Namen sie auf die Zeichnung ihres Kästchens schreiben soll. Sie kann sich lange nicht entscheiden. Da geht es ihr wohl wie manchem Wähler.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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