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Anja Dehne und Annette Sach
Front deutscher Äpfel

KÖNIGS WUSTERHAUSEN Die Stadt gilt als ein Zentrum der rechten Szene. Einige Bürger versuchen, das zu ändern

Königs Wusterhausen in Brandenburg, im Sommer 2012. Der Himmel ist so grau wie manche der Fassaden in den Straßen, die Namen von großen deutschen Dichtern und Denkern tragen; Rosa Luxemburg zum Beispiel oder Bertold Brecht oder Heinrich von Kleist. In einem Fenster stehen ein paar vertrocknete Kakteen, ein paar Reihen weiter blühen Geranien, in einem anderen Fenster zwitschern Kanarienvögel im Käfig und gelegentlich flattern riesige schwarz-rot-goldene Flaggen an der Fassade. Die Bewohner haben sie aus dem Fenster gehängt, wohl als Zeichen dafür, dass sie alle Hoffnungen auf Deutschland setzen - auf die deutsche Nationalmannschaft, die Fußball-Europameister werden sollte - damit die Menschen einmal stolz sein könnten auf dieses Land.

Das Viertel, dessen Straßen die Namen von großen Deutschen tragen, heißt im Volksmund "das Ghetto", eine Plattenbausiedlung, wie es sie überall gibt in den Städten der neuen Bundesländer, Relikte der alten DDR. Die, die es sich nach der Wende leisten konnten wegzuziehen, sind weg. Und die, die hier wohnen, haben Angst, dass private Investoren kommen, die Wohnblöcke sanieren und die Mieten erhöhen, so dass sie am Ende nicht mehr bezahlbar sind.

An der Kreuzung der Rosa-Luxemburg-Straße, auf dem Schild, das die Sackgasse anzeigt, prangt ein Aufkleber mit den Worten "Ausländer raus". Einer von vielen "Spuckis", mit denen die Rechten auf Laternen und Papierkörben ihr Revier markieren wollen. In den paar Kneipen, die es hier noch gibt, treffen sich regelmäßig Anhänger der rechten Szene. "Manchmal, wenn sie angetrunken sind", erzählt Lukas, "treffen sie sich zu Spontanaufzügen, marschieren durch die Straßen und grölen dumpfe Parolen." Lukas möchte seinen richtigen Namen nicht nennen. Er ist Student, wohnt jetzt in Berlin und engagiert sich gegen Neonazis. Seine Eltern wohnen noch im Viertel. Sie zu besuchen, sei für ihn nicht einfach, er müsse ständig mit der Angst leben, von rechten Schlägern erkannt zu werden. Deshalb sieht er sich auf den Straßen des Viertels immer vorsichtig um und hält sich selten lange auf.

Ganz besonders schwierig waren die Besuche für ihn und seine Freunde im Herbst 2008, da war Kommunalwahlkampf. Wenn Lukas seine Eltern besuchen will, musste er über den Bahnhof von Königs Wusterhausen. Aber den hatte die NPD im Herbst 2008 zum "Kampfgebiet" erklärt.

Auf den zweiten Blick

Auf ihrer Internetseite brüstete sich die Partei damals damit, sie habe die Politik wachgerüttelt und am Bahnhof für Ordnung gesorgt. Die Polizei musste über Monate verstärkte Präsenz zeigen, denn nicht nur Lukas, auch viele andere Bewohner von Königs Wusterhausen waren verunsichert. Fast rund um die Uhr lungerten junge Männer mit kahl geschorenen Köpfen und Springerstiefeln auf dem Bahnhofsgelände.

Seit einigen Jahren ist diese Szene in Königs Wusterhausen weniger sichtbar geworden - doch nur auf den ersten Blick. "Man nimmt in der Stadt kaum noch geschlossene, homogene Gruppen wahr. Die rechten Akteure sind spezialisierter und viel besser vernetzt als früher", berichtet Astrid Peters. Die Politologin ist Mitarbeiterin des Projekts "Kompakt". Es will Jugendlichen, die für rechtsextreme Ideen empfänglich sind und erste Berührungen mit der Szene haben, schon frühzeitig helfen, Alternativen zu den scheinbaren "Problemlösern" der Rechten zu finden. Das Projekt versucht dabei, die Arbeit verschiedener Institutionen wie Polizei oder Trägern der Jugendhilfe effektiver miteinander zu vernetzen.

Denn die Rechten haben ihre Strategie auch in Königs-Wusterhausen verändert. Versuchten sie früher, junge Leute mit dumpfen Parolen für sich zu gewinnen, bieten sie heute unter dem sozialen Deckmäntelchen scheinbare einfache Lösungen für schwierige Probleme an. "Die Szene konzentriert sich auf politische Beratung", beobachtet Thomas Thiele, Jugendbildungsreferent des Landkreises Dahme-Spreewald. "Ich halte sie aber nicht für harmloser, nur weil man sie nicht auf den ersten Blick erkennt", sagt er.

"Nationalarbeiter"

Gerade im Neubaugebiet von Königs-Wusterhausen, erzählt Thiele, sei es schon vorgekommen, dass ein Mann in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Nationalarbeiter" klingelte und sagte: "Guten Tag, ich bin Ihr Hartz-IV-Berater." Thiele, von Beruf Sozialarbeiter, kennt die rechte Szene in Königs-Wusterhausen schon aus DDR-Zeiten. Bereits 1986 bildeten sich dort die ersten rechtsextremen Skinheadstrukturen heraus, die Anfang der 1990 zu den "United Skins" führten. Sie nannten sich später "Kameradschaften" und heißen heute "Freie Kräfte". In den 90er Jahren seien die Rechtsextremen elitärer gewesen und hätten sich stärker abgeschottet. Heute, sagt Thiele aus seiner Erfahrung, gehen "sie in die Gesellschaft". Und er hat einen weiteren Trend ausgemacht: "Während die rechte Szene in den Städten abnimmt, wird sie in ländlichen Gebieten stärker." Sichtbar wird das auch an den Wahlergebnissen.

Bei der letzten Kommunalwahl 2008 erreichte die NPD in Königs-Wusterhausen etwas über vier Prozent der Stimmen; Michael Thalheim bescherte das ein Amt in der Stadtverordnetenversammlung. Der Mann, der selbst im so genannten Ghetto wohnt, hat sich die Haare so schneiden lassen wie Adolf Hitler, auf den Fotos aus den 30er Jahren, kurz nach der Machtergreifung; ein glatter Seitenscheitel und über den Ohren abrasiert - die strenge Symmetrie dieser Haare wirkt irgendwie merkwürdig in seinem runden Gesicht mit den feisten Wangen.

Im Wahlkampf hatte sich Michael Thalheim mit einer Kampagne für Sicherheit, Recht und Ordnung stark gemacht, während er sich zeitgleich selbst vor Gericht verantworten musste. Er war wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Der Vorwurf: Er habe auf dem Bahnhofsgelände eine 21-jährige Frau so stark getreten, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Das ergaben Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Der NPD-Spitzenmann musste Schmerzensgeld zahlen, dann wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Schließlich trugen ihn die Wählerstimmen vom rechten Rand ins Stadtparlament. "Wir sind nicht glücklich über seine Anwesenheit", sagt Bürgermeister Lutz Franzke, aber im Stadtparlament hätte man Michael Thalheim im Griff und würde ihm immer wieder in die Schranken weisen. Allerdings darf der NPD-Mann jetzt mit abstimmen, wenn es zum Beispiel um den Verkauf eines städtischen Grundstücks, den Ausbau von Kindergärten oder um die Verabschiedung des Haushaltsplans geht.

Widerstand und Protest engagierter Bürger in Königs Wusterhausen hatten immerhin dazu geführt, dass der Wirtschaftsfaktor Rechtsextremismus im kommunalen Haushalt heute nur noch eine marginale Rolle spiele, sagt der Bürgermeister.

Das war einmal anders. In einem der kleinen Ladengeschäfte in der Innenstadt begann der steile Aufstieg eines Modelabels, das bis heute in der rechten Szene zum Erkennungsmerkmal nationalistischer Gesinnung gehört: Thor Steinar; eine Modemarke, die mit germanischen Runen auf T-Shirts und völkischer Symbolik auf Jacken und Hemden zum Erfolgsmodell avancierte.

Vorangetrieben wurde dieses Millionengeschäft insbesondere von zwei Männern, die in der rechten Szene keine Unbekannten sind: Axel Kopelke und Uwe Meusel zahlten nach eigenen Angaben zeitweise Gewerbesteuern von über 60.000 Euro im Jahr und wurden damit für die kommunale Wirtschaft von König Wusterhausen zum echten Faktor. 2004 wurde das Runen-Logo von Thor Steinar zeitweise verboten. Es sei zu stark an Symbole der Wehrmacht und des Nationalsozialismus angelehnt, hieß es. Deshalb entwarfen Meusel und Kopelke schlicht ein neues, bis heute genutztes Logo. Ihre Firma Mediatex haben sie nach Dubai verkauft und um Thor Steinar hat sich heute ein weit verzweigtes Firmennetz gesponnen, mit internationalen Ablegern. Im Bundestag und in einigen Landtagen ist das offene Tragen dieser Symbole inzwischen untersagt. Doch weiterhin hängen Hemden, T-Shirts und Kapuzenpullover von Thor Steinar in einem Geschäft in der Bahnhofstraße.

Gemeinsame Aktionen

Der Laden ist Stefanie Schirner, die sich in Königs Wusterhausen gegen Rechts engagiert schon lange ein Dorn im Auge. "Wir sind dabei, den Laden rauszubekommen", sagte die 31-Jährige. Gemeinsam mit rund 25 anderen Bürgern der Stadt sitzt sie in der AG-Präventionsrat. Darin haben sich über zehn örtliche Vereine der Stadt zusammengeschlossen. Analog dazu gibt es bei der Stadt einen Präventionsrat, in dem der Bürgermeister und die Stadtverordneten überlegen, wie am besten mit der rechten Szene umgegangen werden kann. Auch wenn sich auf der Internetseite der Stadt zu diesem Thema derzeit nur eine weiße Seite befindet, haben sich die Bürger einiges einfallen lassen, um auf intelligente, aber auch kreative Art und Weise gegen die rechte Bedrohung mobil zu machen.

Kreativer Widerstand

So macht etwa Stefanie Schirner bei der "Front der deutschen Äpfel" mit: Ihre Mitglieder tragen schwarze Kleidung mit einer roten Armbinde, auf der ein schwarzer Apfel prangt - eine Anspielung auf Holger Apfel, den derzeitigen Bundesvorsitzenden der rechtsextremen NPD. Bei Kundgebungen läuft die Satiregruppe "mit den Nazis mit, um sie mit ihren eigenen Sprüchen zu schlagen," sagt die Kauffrau für Bürokommunikation, die sich politisch auch für Die Linke engagiert. Sie freut sich, wenn man mit Aktionen wie diesen die Rechten etwas aus dem Konzept bringen kann: "Wenn man sie verscheißert, damit kommen sie nicht klar", sagt sie. Dennoch weiß auch sie: "Die scheinbare Ruhe hat nichts zu bedeuten".

Wer heute nach Königs Wusterhausen kommt, findet neben der Plattenbausiedlung auch eine ganz andere Stadt. Eine mit einem frisch gestrichenen und renovierten Schloss, einem großzügig angelegten Park und einer kleinen Fußgängerzone mit Straßencafés, Restaurants und Eisdielen. Die jungen Männer mit den kahlen Köpfen und schweren Stiefeln sind aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden. Und wenn die Rechten wie am 8. Mai zu einer Kundgebung aufrufen, sind die Menschen stolz, mehr Gegendemonstranten als rechte Gesinnungsgenossen aufbieten zu können. Dennoch wissen die, die hier leben, dass rechtsextreme Einstellungen bei vielen Menschen weiter tief verwurzelt sind. Die Stadt wird daran arbeiten, ihrem braunen Image zu trotzen - mit Aktionen wie Ende April, als 40 bis 50 Bewohner der Stadt unter dem Schutz von Polizei und Ordnungsamt vier Stunden damit beschäftigt waren, Aufkleber mit Naziparolen zu beseitigen. "Sie kleben jetzt alle wieder", sagt Stefanie Schirner. Doch davon lässt sie sich nicht entmutigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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