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Annette Sach
Karriere eines Schlagworts

ANGSTZONEN Wie ein Begriff die Wirklichkeit definiert

Eigentlich sind es nur drei kurze Worte. In der Diskussion über den Rechtsextremismus aber erzielten sie eine langanhaltende Wirkung. Der Begriff der "national befreiten Zone" tauchte in der rechtsextremen Presse erstmals zu Beginn der 90er Jahre auf. In diesem Zusammenhang wurde der Ausdruck sowohl als ökonomische Unabhängigkeit definiert, aber auch territorial verstanden "als ein Freiraum für Nationalisten, die darin faktisch die Macht ausüben, die sich primär gegen den Stadt und politische Konkurrenten richtet", heißt es in einer Publikation aus dem Jahr 2005 von Professor Werner Bergmann und Uta Döring. Auch wenn das Konzept in der rechtsextremen Presse benannt wird, gibt es nach Meinung der beiden Wissenschaftler keine "einheitliche Strategie zur Instrallierung von national befreiten Zonen innerhalb der parteiförmig, organisierten Rechten".

Medialer Oberbegriff

In den Medien wurde der Begriff erstmals im Jahr 1997 durch einen Artikel in der Frankfurter Rundschau bekannt und danach immer öfter kopiert. Wofür die drei Worte genau stehen, wurde dabei nicht eindeutig definiert, sondern der Ausdruck verbreitete sich schnell als Synonym für verschiedene Phänomene wie etwa die Gewalt gegen Minderheiten, die Dominanz rechter Gruppen im öffentlichen Raum oder fremdenfeindliche Einstellungen in der Bevölkerung. Immer öfter tauchte der Begriff dann auch in offiziellen Reden oder auch in Debatten im Bundestag auf - oftmals mit unterschiedlicher Bedeutung. Traurige Berühmtheit erlangten der Begriff, als er im Jahr 2000 zum "Unwort des Jahres" gekürt wurde. "Nach der Jahrtausendwende wurde der Begriff zunehmend kritisch hinterfragt und man sprach mehr von Angstzonen, um auch die Perspektive der Opfer zu berücksichtigen", sagt die Soziawissenschaftlerin Uta Döring, die über das Thema 2008 ihre Doktorarbeit verfasst hat. Darin zeigt sie auf, wie lange noch Orte, die von der Presse mit dem negativen Label versehen wurden, dagegen zu kämpfen haben - ganz ungeachtet der realen Veränderungen vor Ort. In der heutigen Diskussion wird der Begriff kaum noch verwandt. Das bedeutet aber nicht, dass damit auch die Probleme verschwunden sind. Wichtiger als einzelne Orte oder Regionen konkret benennen zu wollen, sagt Döring, sei es aber, "nicht zu weichen und die Menschen vor Ort aktiv zu unterstützen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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