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Verena Renneberg
Notausgänge nur für Nazis

AUSSTEIGER Wer dem Rechtsextremismus den Rücken kehren will, hat es nicht leicht. Initiativen wie Exit helfen dabei

Auch rechtsextreme Täter können zu Opfern werden. Dann nämlich, wenn sie aus der Szene aussteigen wollen: 35 bis 50 oder sogar mehr Neonazis und Rechtsextremisten mit dem festen Vorsatz auszusteigen wenden sich jährlich in Deutschland allein an die Initiative Exit. Darüber hinaus verzeichnet der Verein eine Vielzahl anonymer, allgemeiner Anfragen per Mail und Telefon, zum Teil von Angehörigen und von Freunden Betroffener.

Aussteigerinitiativen

Die Neonazi-Aussteiger-Initiative Exit wurde im Jahr 2000 gegründet, von dem Berliner Ingo Hasselbach, einem ehemaligen Neonazi, und dem Kriminologen Bernd Wagner. Finanziert wird sie durch das Geld ihrer Mitgründer sowie durch Spenden, etwa der Amadeu Antonio Stiftung sowie der Freudenberg Stiftung.

Neben Exit gibt es eine Vielzahl ähnlicher zivilgesellschaftlicher und staatlicher Organisationen und Initiativen, größtenteils auf Länderebene. Sie beraten und unterstützen Ausstiegswillige auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft. Doch dieser Weg ist nicht immer einfach. Je höher der Betroffene in der Hierarchie einer rechtsextremen Partei, Organisation oder Gemeinschaft steht, desto schwerer ist dieser Schritt für ihn - in mehrfacher Hinsicht.

"Den Kameraden" könne man sich keinesfalls anvertrauen: Sie würden Ausstiegswillige sofort als Verräter stigmatisieren, berichtet Kriminologe Bernd Wagner. Außerdem hat ein Aussteiger, je höher er in der Hierarchie angesiedelt war, ein umso umfangreicheres Wissen über einzelne Personen, Straftaten, Strategien und Verbindungen. Die ehemaligen "Kameraden" würden daher an Aussteigern "Rache nehmen" wollen, sagt Wagner. Das Bedrohungspotenzial sei immens.

Ausstiegsszenario

Die Mitarbeiter der meisten Ausstiegsinitiativen erstellen mit einem Ausstiegswilligen zunächst ein "Szenario des Entrinnens", wie es Wagner nennt. Dabei gibt es - ähnlich wie bei Zeugenschutzprogrammen - kein "Schema F", denn das Gefährdungspotenzial ist bei jedem Aussteiger anders. Mögliche Maßnahmen reichen bis hin zur Namensänderung und zum Ortswechsel. Oft bedeutet das den Wegzug aus der Heimat. Nicht unbedingt leichte Schritte, aber in manchen Fällen unumgänglich. Allerdings gilt es zu unterscheiden: "Für ein schlichtes Wald- und Wiesenmitglied der NPD ist der Ausstieg vergleichsweise leicht", erklärt Bernd Wagner. Wer aus dieser Partei austreten wolle, müsse lediglich eine Austrittserklärung unterschreiben. Hilfe bei Organisationen wie Exit suchen hingegen vor allem Männer und Frauen, die bereits seit vielen Jahren, vereinzelt sogar schon seit Jahrzehnten, in der Szene sind - und in der Hierarchie relativ weit oben stehen

Die verschiedenen Initiativen haben unterschiedliche Schwerpunkte, stellt auch Ulrich Dovermann, Leiter des Fachbereichs "Extremismus" der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), heraus: "Die Führungskader rechter Gruppierungen und Parteien werden bei uns nicht eingefangen, sondern die sind Gegenstand von Projekten wie Exit". Mit Exit wolle die BpB nicht in Konkurrenz treten. Neben ihrer Aufklärungsarbeit engagiert sich die Bundeszentrale auch seit 2001 im Rahmen eines Modellprojekts in deutschen Strafanstalten. Gewalttäter mit einer rechtsextremen Weltanschauung können an dem Aussteigerprojekt teilnehmen. Die Nachfrage ist groß, mehrere Hundert Personen haben bereits teilgenommen. Die Rückfallquote sei gering, sie liege "deutlich unter zehn Prozent", betont Dovermann.

Auch Exit verzeichnet keine hohen Rückfallquoten. Das hat jedoch andere Gründe: Wer den Ausstieg aus einer rechtsextremen Hierarchie wagt, der kommt dort "nie wieder hoch", erklärt Wagner: Sie müssten mit Bestrafungen rechnen. Außerdem steigt die Hemmschwelle vor der Rückkehr, wenn jemand erst einmal eine neue Identität angenommen und den Wohnort gewechselt hat. Lediglich "besonders labile Personen" würden rückfällig, sagt Wagner. Gerade mal zehn der Exit-Schützlinge hätten bisher eine Rolle rückwärts gemacht: Einige seien tatsächlich "in die Szene" zurückgegangen; die anderen hätten sich anderweitig kriminell orientiert und seien zum Beispiel Drogenhändler geworden.

Bremsschlauch aufgeschlitzt

Nicht nur die Aussteiger müssen mit der Rache ihrer früheren Kameraden rechnen, auch ihre Helfer. Exit sieht sich gelegentlich mit Beschimpfungen konfrontiert, auch Bombendrohungen habe es schon gegeben, beleidigende Anrufe und "Schmähmails", wie Bernd Wagner sagt. Ihm selbst hätten Unbekannte bereits einmal den Bremsschlauch seines Wagens aufgeschlitzt, das sei aber schon länger her. Und einmal habe Exit ein Warn-Paket erhalten; was darin war will Wagner allerdings nicht sagen.

Die Betreuung der Aussteiger durch Exit ist individuell und von unterschiedlicher Dauer. Nicht wenige bleiben sogar länger mit der Initiative in Kontakt: Einige "können gar nicht anders, weil sie im Gefängnis sitzen", erklärt Wagner, andere würden tatsächlich zu angestellten Mitarbeitern. Wieder andere engagierten sich bei Aktionen - wie beispielsweise die T-Shirt-Aktion im vergangenen Jahr, die "Operation Trojaner": Auf dem Rechtsrockfestival "Rock für Deutschland" im August 2011 in Gera hatte die Organisation 250 T-Shirts verteilen lassen, "die erst in den eigenen vier Wänden ihre wahre Absicht offenbarten", wie auf ihrer Website nachzulesen ist. Auf den Shirts stand der Aufdruck "Hardcore Rebellen", auch ein Totenkopf war Bestandteil des Logos. Doch das Logo war nicht wasserfest; vielmehr befand sich darunter ein nicht abwaschbarer Aufdruck mit der Botschaft "Was dein T-Shirt kann, kannst Du auch - Wir helfen Dir, Dich vom Rechtsextremismus zu lösen"; dazu gab es die Kontaktdaten von Exit.

Medien erhöhen Nachfrage

Nicht nur solche Aktionen, sondern auch die Medien bringen Exit Zulauf: Steigt die Berichterstattung über Aussteiger, über Aussteiger-Initiativen oder über Rassismus und verwandte Themen, so wenden sich auch mehr Ausstiegswillige an die Organisation.

Der erste große Artikel über Exit erschien kurz nach der Gründung im Jahr 2000 im "Stern", erinnert sich Bernd Wagner an die große Resonanz aus der Szene. Wagner, Jahrgang 1955, beschäftigt sich eigenen Angaben zufolge seit etwa 25 Jahren mit der Thematik; zuerst noch in der DDR. In Frankfurt/Oder geboren war der diplomierte Kriminalist im Zentralen Kriminalamt der DDR Leiter der Abteilung Extremismus/Terrorismus und zeitweilig der "AG Skinhead". Er weiß aus Erfahrung, dass der erste Schritt Richtung Ausstieg Selbstzweifel sind. Die Betroffenen würden realisieren, dass sie zwar in der Gruppe, aber nicht in der Gesellschaft Anerkennung finden. Der Betroffene würde feststellen, dass er nur so lange etwas Wert sei, wie er funktioniert. Er folge dann zumeist ein "abendfüllendes Programm von Zweifelsfragen".

Die Psychologin Birgit Rommelspacher ist weniger optimistisch als der Exit-Chef. Sie gibt sich überzeugt, dass nur wenige Rechtsextreme "richtig aussteigen" würden. In ihrem 2006 veröffentlichtem Buch "Der Hass hat uns geeint: Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene" beschreibt die Wissenschaftlerin, dass viele nur ihre Erscheinungsform ändern würden, also Frisur und gegebenenfalls Bart und Kleidung.

Die Leere im Kopf

Wenn der Hass schwindet, hinterlässt der Extremismus eine Leere im Kopf, die mit neuen Aufgaben und Erkenntnissen gefüllt werden muss. Deshalb bieten Initiativen wie Exit auch Familienhilfe an. Doppelt betreutes "Aussteigen", sozusagen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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