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Verena Renneberg
Rassismus im Stadion

FUSSBALLFANS Ausländerfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft sind auf den Tribünen der Republik fest etabliert

"Für Fußball. Gegen Gewalt." Das Motto des Berliner "Fußballgipfels" am 17. Juli soll ein klares Statement beinhalten. Vertreter aller 56 Fußballvereine der ersten, zweiten und dritten deutschen Ligen sollen dann zusammenkommen; auch der Bundesinnenminister ist eingeladen. Eine knappe Woche später, am 23. Juli, sollen dann bei einem länderoffenen Spitzengespräch Ergebnisse vorgestellt, beraten und bewertet werden. Der Deutsche Fußballbund (DFB), die Deutsche Fußballliga (DFL) sowie sämtliche Innenminister der Bundesländer sind hierzu eingeladen. Die Minister hatten zuletzt gefordert, die Sicherheit in den Stadien zu erhöhen.

Mögliches Stehplatzverbot

Unter Sanktionsversuchen gegen gewalttätige "Sportsfreunde" leiden schon jetzt alle: der Sport, die Spieler und die friedlichen Fans. Sogenannte "Geisterspiele", Spiele, die strafhalber unter Ausschluss der Zuschauer ausgetragen werden müssen, stellen eine hohe finanzielle Belastung für betroffene Vereine dar. Und ein Verbot von Stehplätzen, wie es schon mehrfach in der Diskussion war, wäre für viele Fans völlig unvorstellbar.

Doch das Stehplatzverbot könnte kommen: Erst zu Monatsbeginn hatte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wieder einmal festgehalten, dass es jedenfalls eine Option sei. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des amtierenden deutschen Meisters Borussia Dortmund, sprach von einem "fußballkulturellen Desaster", das damit drohe. Um derartige Verbote zu vermeiden, versuchen sowohl die Vereine, als auch der DFB seit Jahrzehnten, an die Vernunft der Fans zu appellieren.

"Friedlich miteinander - Mein Freund ist Ausländer": Diese großangelegte Kampagne startete der Deutsche Fußballbund (DFB) im Jahr 1993. Er reagierte damit auf die ausländerfeindlichen Übergriffe von Mölln und Solingen. Es gab Stadiondurchsagen, Schweigeminuten, Plakataktionen und Benefizspiele; außerdem immer neue Aktionen wie "Zeig dem Rassismus die Rote Karte" im Jahr 2006 oder später "Kein Ort für Nazis".

Mittlerweile gibt es darüber hinaus eine Vielzahl von Initiativen, die von den Fans selbst ins Leben gerufen werden. Eine vereinsübergreifende Seite der "Fußball-Fans gegen Rechts" ist bei Facebook gut besucht, Motto: "Fußball verbindet - Rechtsaußen bleibt draußen!".

Bereits 1981 hatte der DFB eine erste Resolution gegen Fremdenfeindlichkeit verabschiedet. Zwölf Jahre später stellte er ernüchtert fest, die Resolution hätte nicht an Aktualität verloren.

Menschenfeindlich

Ein Spieler mit schwarzer Hautfarbe werde auch heute schneller ausgepfiffen als ein "Weißer", erklärt Gunter A. Pilz, Leiter der Kompetenzgruppe "Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Auch Sexismus und Homophobie seien unter Fußballfans verbreitet. Daran docke der Rechtsradikalismus an. Dies alles seien Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Auch im Jahr 2012 fliegen noch Bananen durch deutsche Fußballstadien. Ihr Ziel: ausländische, meist farbige Spieler. Die Absender: vermeintliche Fußballfans. Sie wollen die Spieler nicht primär physisch, sondern psychisch treffen. Nicht selten werden die Würfe von "Bimbo"-Rufen begleitet. Die Botschaft scheint eindeutig. Doch die Werfer sind in der Regel keine Rechtsextremisten, sondern durchschnittliche Fußballfans; das Kokettieren mit rechtem Gedankengut ist unter den Anhängern vieler Vereine von der ersten bis zur Amateurliga verbreitet.

Fließende Grenzen

Überhaupt verlaufen die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen innerhalb einer Fangemeinde fließend; oft sind einzelne Personen keiner Gruppe eindeutig zuzuordnen. Selbst die "normalen" Fans, können noch in "Kuttenträger" und andere Gruppen unterschieden werden. Doch obwohl sie zumeist friedliche Fans sind, beteiligen auch sie sich teilweise an fremdenfeindlichen Gesängen oder Rufen. Dann gibt es da die "Ultras" und die "Hooligans". Die Ultras werden häufig mit Hooligans verwechselt; per verbreiteter Definition gelten sie jedoch lediglich als besonders passionierte Fans, die in ihrer Freizeit Plakate malen, Gesänge üben und Choreografien einstudieren. Hooligans hingegen gelten als hochaggressive Zeitgenossen, die allein die Suche nach einer Schlägerei in die Stadien zieht. Unter beide Gruppen mischen sich Rechtsextremisten. Vielleicht ein Grund für die neue Mischform der "Hooltras", der gewaltbereiten Ultras, die Sportwissenschaftler Pilz ausfindig gemacht hat.

Infiltration von Amateurligen

Doch nicht nur unter die Zuschauer mischen sich die Verbreiter rechtsradikalen Gedankenguts. Vor wenigen Monaten erst wurde ein 22-jähriger Kreisklassen-Schiedsrichter aus Brandenburg, der NPD-Mitglied ist und im Internet rechte Parolen verbreitet haben soll, vom brandenburgischen Fußball-Landesverband von der Schiedsrichterliste gestrichen. Ein ähnlicher Fall war 2011 aus Nordrhein-Westfalen bekannt geworden.

In Amateurligen können Rechtsradikale auch abseits des Platzes punkten: Sie engagieren sich beispielsweise gegen die Schließung von Sportplätzen in kleineren Orten. Sie präsentieren sich damit als "Kümmerer", wie der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem erst kürzlich erschienenem Buch "Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" schrieb. In Bundesländern wie Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, in denen die rechtsextreme NPD ohnehin bereits im Landtag vertreten ist, hat diese "eine ganz andere Öffentlichkeit", wie Blaschke konstatiert. Fremdenfeindlichkeit, schreibt er, gehöre in manchen Gegenden schon zum guten Ton. Rechtsradikalismus im Amateurfußball sei längst kein Randphänomen mehr. Doch ginge es eben nicht, so das Ergebnis der Recherche Blaschkes, um sichtbare Gewalt, sondern um Neonazis, die beispielsweise als Sponsoren und Funktionäre - oder eben als Schiedsrichter - auftreten.

Rekrutierung im Stadion

In der Regionalliga soll die NPD versuchen, gewaltbereite Fans, die ohnehin mit dem Nationalsozialismus und seinen Symbolen kokettieren, für die Partei anzuwerben, heißt es Medienberichten zufolge. Im Fanblock des FSV Zwickau wehte während eines Regionalligaspiels Ende 2011 eine norwegische Flagge, die als Hommage an den Massenmörder Anders Breivik interpretiert wurde. 2007 hatten Fans von Dynamo Dresden einen Flyer mit einem Foto einer Juden-Deportation entworfen; dazu das Emblem des Rivalen Lok Leipzig und der Schriftzug "Endstation Dresden".

Nicht nur in Deutschland, auch international stellt Gewalt in und um Fußballstadien ein Problem dar. Auch bei der Europameisterschaft im vergangenen Monat war es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Verhaftungen gekommen. Das konnte auch "Respekt", die Anti-Rassismus-Kampagne des europäischen Fußballverbandes UEFA nicht verhinden. z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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