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Susanne Kailitz
An der Seite der Opfer

ENGAGEMENT Beratungsstellen helfen Betroffenen rechter Gewalt. Nicht immer haben sie die volle Unterstützung der Behörden

Der Frust ist heute riesengroß. Marianne Thum ist an diesem Freitag Anfang Juli gerade zurück vom Landgericht, noch außer Atem und voller Wut im Bauch. Seit elf Jahren berät die Dresdnerin Opfer rechter Gewalt, begleitet sie nach den Angriffen zur Polizei oder zum Gerichtsprozess. Und ist schier ohnmächtig, wenn sie ihnen erklären soll, wie es zu Urteilen wie dem heute kommen kann.

Vier Männer haben heute vor dem Richter gestanden, angeklagt der gefährlichen Körperverletzung in drei Fällen. Doch weil die Taten schon so lange zurücklagen und drei der Täter als Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren unter das Jugendstrafrecht fielen, gingen sie mit Bewährungsstrafen aus dem Saal. Und Marianne Thum ist so sauer, dass sie fast schäumt: "Wir reden hier über Angriffe, die 2008 und 2009 stattgefunden haben. Das hätte alles längst vom Tisch sein können, wenn nicht die Akte 15 Monate lang beim Amtsgericht verschüttet worden wäre. 15 Monate - und keiner weiß, wo sie in der Zeit geblieben ist." Die beiden Opfer, die Thum begleitet hat, hätten in all der Zeit nicht mit der Geschichte abschließen können. Einer der Männer habe unter massiven Ängsten gelitten - und nun fassungslos zur Kenntnis nehmen müssen, dass den Tätern keinerlei "schädliche Neigungen" durch die Jugendgerichtshilfe bescheinigt wurden, "obwohl jeder weiß, dass sich alle vier immer noch in den gleichen rechten Kreisen bewegen wie früher". Das sei doch, sagt Marianne Thum inzwischen erschöpft, "jedes Mal der gleiche Mist".

Beratung für Opfer

Gerichtsprozesse wie heute sind Thums Alltag. Die 56-Jährige ist Beraterin im Dresdner Büro der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen e.V. (RAA). Ihre Arbeitsstelle gehört zu dem Netzwerk von Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt, die Anfang der 2000er Jahre in den neuen Bundesländern und Berlin gegründet wurden. Zuvor hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach dem Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge einen "Aufstand der Anständigen" gefordert und die Bundesregierung das Programm "Jugend für Toleranz und Demokratie" aufgelegt. Aus dessen Teilprogramm CIVITAS erhielt der Brandenburger Verein Opferperspektive Geld, um im Jahr 2000 die erste Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Deutschland zu gründen. Inzwischen folgten ähnliche Projekte in allen ostdeutschen Bundesländern und Berlin, so auch die RAA in Sachsen.

In ihrer Arbeit befolgen alle Beratungsstellen einen ähnlichen Grundsatz: Sie beziehen klar Stellung für die Opfer und wollen ihnen nicht nur über individuelle Betreuung helfen, sondern auch den gesellschaftlichen und politischen Ursachen rechtsmotivierter Gewalt auf den Grund gehen. Man wolle, so heißt es in einem Text der Opferperspektive aus dem Jahr 2001, eines klarmachen: "Der Angriff hätte nicht geschehen dürfen und darf nicht wieder geschehen. Die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Angriff möglich gemacht haben, müssen sich ändern. Die rassistische Stimmung in der Bevölkerung, die von den Tätern schlagend umgesetzt wurde, muss sich ändern." Lange hätten nach rechtsextremen Gewalttaten immer die gleichen Mechanismen eingesetzt: "Am besten verschweigen, weil sonst der Ruf der Stadt in Mitleidenschaft gerät. Wenn verschweigen nicht geht, dann verharmlosen. Bestimmt hatte der Angriff keinen rassistischen Hintergrund, vermutlich war es ein privater Streit, der Ausländer wird provoziert haben. Was hat der auch nachts um die Uhrzeit auf der Straße verloren?"

Schwindendes Vertrauen

Dass sich daran auch mehr als zehn Jahre nach Gründung der Opferberatungsstellen vielerorts noch nicht viel geändert hat, muss Kay Bolick immer wieder erfahren. Er arbeitet für die Landesweite Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern und ist gerade viel in Anklam: In der Hansestadt hat es im Mai mehrere Angriffe und Hetzjagden auf Punks und nicht-rechte Jugendliche gegeben. Dass dort am helllichten Tag Jugendliche quer durch die Stadt getrieben und geschlagen worden seien, habe für ihn "die Erinnerungen an die 1990er-Jahre" wieder aufleben lassen, sagt der Berater. Es sei heute so schwer wie damals, in der Stadt eine Solidarisierung mit den Opfern auszulösen. "Punks sind einfach eine Opfergruppe, die von Polizei oder Kommune eher abgelehnt werden. Es stört, dass die da in der Stadt sitzen und Bier trinken" - wenn sie dann vertrieben würden, finde diese Form der "Problemlösung" auch Zustimmung.

Dass in der Pressemeldung der Polizei lediglich von "einer Schlägerei zwischen zwei Gruppen aus dem rechten und dem linken Spektrum" die Rede war, halten die Mecklenburger Opferberater für symptomatisch. "Wenn Neonazis Rollkommandos am helllichten Tag durch die Stadt schicken oder eine Einrichtung wie den Demokratieladen angreifen, muss mehr passieren als eine Meldung in der Zeitung", sagt Kay Bolick, denn wenn die Angriffenen allein gelassen würden und es in der Stadt keine Positionierung gegen Neonazis gebe, werde sich die rechte Szene gestärkt fühlen.

Der spielt auch eine Entwicklung in die Hände, die man bei der Opferperspektive in Potsdam mit Sorge sieht. "Wir wussten immer, dass es im Bereich rechter Gewalttaten ein großes Dunkelfeld gibt", sagt Geschäftsführer Marcus Reinert, "aber jetzt gibt es eine vermehrte Anzahl von Angriffen, bei denen die Opfer nicht bereit sind, sie zur Anzeige zu bringen." Ist die Angst zu groß, im laufenden Strafverfahren erneut zum Opfer, etwa durch Racheaktionen, zu werden? Das Vertrauen in den Rechtsstaat und seine Fähigkeit, die Täter angemessen zu bestrafen, zu klein? "Wir können das noch nicht richtig einschätzen", sagt Reinert vorsichtig, "aber das wird wohl alles eine Rolle spielen."

Stete Gradwanderung

Ohnehin ist für die Opferberater ihre Arbeit eine stete Gratwanderung. Sie verfolgen den Grundsatz der "aufsuchenden Arbeit": Wenn sie etwa über Presseberichte oder Polizeimeldungen erfahren, dass es rechte Angriffe gegeben hat, nehmen die Berater Kontakt zu den Opfern auf. Das kann über Netzwerkpartner vor Ort sein oder über Briefe, die von der Polizei weitergeleitet werden - und ist "in der Regel recht mühselig", so Reinert. Nur selten kämen die Betroffenen von selbst. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Opfer von Gewalttaten sich häufig zurückziehen."

Was sie bräuchten, um das Erlebte verarbeiten zu können, sei höchst individuell - Unterstützung beim Stellen der Strafanzeige, die Vermittlung eines Psychologen oder Hilfe bei der Forderung finanzieller Wiedergutmachung. Oft seien die seelischen Verletzungen viel größer als die körperlichen, so die Erfahrung der Berater - und nahezu immer helfe das Signal, damit nicht alleingelassen zu werden. "Das mag banal klingen", sagt Kay Bolick, "aber wenn wir artikulieren, dass wir diese Angriffe auch schlimm finden und das nicht das persönliche Problem der Betroffenen ist, tut das den meisten sehr gut."

Denn die, die am häufigsten zum Opfer rechter Gewalt werden, haben nur selten eine mächtige Lobby: Migranten, alternative Jugendliche, Homosexuelle, Wohnungslose, Behinderte. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit kommt immer in Wellen; dann, wenn es einen besonders brutalen Angriff gab oder, wie im Moment, das Entsetzen groß darüber ist, dass über Jahre hinweg eine rechte Terrorgruppe Menschen töten konnte. Dann klingeln in den Beratungsstellen die Telefone, dann rücken die Kamerateams an und in den Nachrichten wird über die laut Verein Opferperspektive 706 rechtsextremistischen Gewalttaten in Ostdeutschland des Jahres 2011 berichtet. Die Berater sind froh über diese momentane Aufmerksamkeit - aber sie haben schon jetzt Angst davor, dass sie wieder allein auf weiter Flur stehen, wenn das Scheinwerferlicht verlischt. Denn dann sei ihre Arbeit wieder weit weniger genehm, erzählt Marianne Thum. "Wir legen ja immer den Finger in die Wunde - und sind damit der Buhmann." Sie glaube nicht an die tollen Slogans des vermeintlich weltoffenen Dresdens, weil sie die andere Seite viel zu oft sehe - "und damit macht man sich in der Stadtverwaltung nun mal keine Freunde. Dort sind wir so unbeliebt wie nur etwas."

Mehr Wertschätzung ihrer Arbeit - das würde die Opferberater vermutlich freuen. Viel dringender ist für sie aber, dass sich etwas an der Wahrnehmung rechter Gewalt ändern möge. Noch immer täten Polizei und Öffentlichkeit viele der Taten als einfache Auseinandersetzung unter Jugendlichen ab, sagt Kay Blick. "Aber man muss es klar als das bezeichnen, was es ist: Gewalt mit politischer Motivation."

Dass sie mit dieser klaren Haltung auch selbst immer wieder in den Blick der Rechten geraten, damit leben die Berater. Sie haben bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen; sind bei den Besuchen der Opfer zu zweit unterwegs, haben Sperrvermerke für Telefonnummern und Adressen. Und sind wie Marianne Thum der Überzeugung, dass - trotz aller Frustration - aufgeben einfach nicht drin ist: "Dafür gibt es noch viel zu viel zu tun."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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