Inhalt

Margaret Heckel
Alle können profitieren

DEMOGRAFIE Deutschland altert, aber es gibt unzählige konstruktive Strategien, um damit umzugehen

Es war im Jahr 1995, als die Stadt Arnsberg allen über 50-jährigen Bürgern eine Postkarte schrieb. "Wie wollen Sie im Alter leben?" stand darauf. Die Aktion war ein Skandal - und ein voller Erfolg. Denn die Bürger regten sich zwar darüber auf, was die Stadt ihre persönliche Lebensplanung anging. Aber gleichzeitig löste die Aktion einen intensiven Dialog aus. Seitdem wurde die Stadt im Sauerland mehrfach für ihre Modellprojekte zum demografischen Wandel ausgezeichnet. Wie in Arnsberg gibt es überall im Land hunderte Initiativen, um konstruktiv mit den Veränderungen in der Bevölkerung umzugehen. Denn dass Deutschland in den nächsten Jahrzehnten deutlich schrumpfen wird, bunter und auch älter wird, kann nicht mehr verdrängt werden. In den ersten Branchen und Regionen werden die Lehrlinge knapp. Fachkräfte werden dringend gesucht. Die Geburten haben im vergangenen Jahr mit 663.000 Babys ein Allzeit-Tief erreicht.

Was Unternehmen brauchen

Diese Fakten wären düster, wären da nicht die vielen intelligenten Projekte landauf, landab. Sie zeigen, dass der Wandel gestaltbar ist. Wenn wir die Weichen richtig stellen, können alle Generationen davon profitieren. Vor tiefgreifenden Änderungen steht die Arbeitswelt. Für Ältere brechen gute Zeiten an. Bislang häufig aufs Abstellgleis geschoben, rücken sie ins Zentrum der Personalarbeit. Immer mehr Firmen erkennen, dass es sinnvoller ist, die vorhandenen Fachkräfte besser zu fördern und länger im Betrieb zu halten statt - oft vergeblich - nach jungen Mitarbeitern zu fahnden. Natürlich brauchen Unternehmen beides: frisches Talent aus der Schule und Uni, aber auch die grauen Köpfe, in denen jahrzehntelanges Fachwissen abgespeichert ist.

Fast schon ideal kombiniert das die badische Großbäckerei K&U aus Neuenburg mit ihrem "Senior-Azubi"-Programm. Es ist speziell zugeschnitten auf Menschen über 40 und bildet sie zu Fachverkäufern, Bäckern und Konditoren aus. K&U-Vertriebschef Winfried Fletschinger hat es sich ausgedacht, weil er schon 2011 nicht mehr genügend Lehrlinge gefunden hat. Seine Zielgruppe sind die ungelernten Kräfte aus dem eigenen Betrieb und Berufsrückkehrerinnen nach der Familienphase. Handwerkskammer, Berufsschule und die Arbeitsagentur sind eingebunden. Letztere fördert die Senior-Azubis über das WeGebAU-Programm und übernimmt zwei Drittel der Lohnkosten und Sozialbeiträge während der Ausbildung. Vertriebschef Fletschinger ist mit seinen Lehrlingen jenseits der 40 hochzufrieden: "Ihre Prüfungsergebnisse sind im Schnitt viel besser als die der Jüngeren, weil sie viel motivierter sind."

Reservoir an Pflegekräften

In Mönchengladbach hat die dortige Sozial-Holding der Stadt ein ähnliches Programm für Pflegekräfte aufgelegt. Beide Beispiele zeigen, welch großes Reservoir hier noch anzuzapfen ist. Dafür aber brauchen wir auf Ältere zugeschnittene Ausbildungsgänge - und couragierte Firmen, die sie anbieten. Dass viele noch zögern, hat mit den vielen Vorurteilen gegen ältere Mitarbeiter zu tun. Fast alle davon sind falsch: Weder geht ihre Produktivität zurück, noch ihre kognitiven Fähigkeiten. Körperliche Beeinträchtigungen sind nicht ganz von der Hand zu weisen, können aber mit klugen Strategien so angegangen werden, dass die gesamte Belegschaft am Ende gesünder und produktiver wird. So hat der Autohersteller BMW in seinem Dingolfinger Werk den Altersschnitt des Jahres 2018 simuliert, der dann bei 47 Jahren liegen wird. Schon wenige und kaum kostenträchtige Änderungen reichten aus, um die Arbeitsbedingungen am Montageband altersgerechter zu machen. Der Effekt wäre enorm: Die Produktivität verbesserte sich spürbar - und zwar über alle Generationen.

Jung und alt

Das ist der häufig überraschende Lohn konstruktiver Projekte: Die Bedingungen verbessern sich für alle Generationen, nicht nur für die Älteren. Auch Eltern mit Kinderwagen finden es gut, wenn Geschäfte die Gänge breiter machen, mehr Licht und Sitzgelegenheiten installieren. Ähnliches ist in den Kommunen zu sehen. In Arnsberg zeigte sich, dass gerade die ganz Alten und die ganz Jungen viel voneinander profitieren können. Nun gehen Kindergartenkinder auf Besuch ins Altenheim. Demenziell beeinträchtigte Senioren spielen im Kindertheater bei der "Kleinen Raupe Nimmersatt" mit. Alle haben einen Riesenspaß. In Stuttgart wird versucht, Kindergärten und Altenheime in räumlicher Nähe zu planen. Gerade in älter werdenden Städten wird Quartiersmanagement zunehmend wichtiger. Wo Infrastruktur wie Ärzte, Behörden und Geschäfte innerhalb von 500 Schritten zu erreichen ist, fühlen sich Ältere (und auch Jüngere) sicher und können oft weit länger in ihren Wohnungen bleiben.

Problem Gesundheitsvorsorge

Hinzu kommen intelligente Initiativen gegen Leerstand wie beispielsweise im niedersächsischen Hiddenhausen. Mit "Jung kauft Alt" lockt die Kommune Familien mit einem Zuschuss in die leerstehenden Häuser im Zentrum - und vermeidet so die kostenträchtige Ausweisung neuer Baugebiete.

Ein bislang zu wenig beachteter Bereich ist die Gesundheitsvorsorge. Wie das Sachverständigengutachten der so genannten "Fünf Weisen" zum Bevölkerungswandel vom Frühjahr 2011 zeigt, liegen hier die größten Kostenrisiken der demografischen Entwicklung. Sie sind deutlich höher als in der Rentenversicherung, die zudem durch eine längere Lebensarbeitszeit stabil gehalten werden kann. Bei der Gesundheitsvorsorge ist Prävention entscheidend - und der Abbau der Vorurteile gegen das Altern. Anders als oft vermutet, nimmt die körperliche Leistungsfähigkeit bei ausreichendem Training kaum ab. An der Sporthochschule Köln wurden 900.000 Laufzeiten von Marathon-Läufern zwischen 20 und 79 Jahren ausgewertet. Ein Viertel der Läufer zwischen 65 und 69 Jahren waren sogar schneller als die Hälfte der 20- bis 54-Jährigen. Das gilt erstaunlicherweise auch, wenn sie erst vor wenigen Jahren mit dem Training begonnen haben. "Leistungseinbußen im mittleren Lebensalter sind primär auf eine inaktive Lebensweise, nicht aber auf die biologische Alterung zurückzuführen", sagt Studienautor Dieter Leyk.

Wenn das Statistische Bundesamt Destatis hochrechnet, dass die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis 2030 um 26 Prozent zunehmen wird, ist das kein unabwendbares Schicksal. Wir können etwas dagegen tun und uns mehr bewegen. Regelmäßiges Spaziergehen reicht oft schon, es muss gar kein Marathon sein. Nicht um die Kosten der Krankenkassen gering zu halten, das würde wohl kaum jemanden motivieren. Wir sollten es für uns selber tun, für eine gesunde, leistungsfähige zweite Lebenshälfte. Noch klingt es für viele abstrus, doch wenig würde Hochaltrigen mehr helfen als das Aufstellen von Muskelmaschinen im Pflegeheim: Schon zwölf Wochen Training an den Geräten führten in einer Modellstudie zu einer Verdoppelung der Kraft und einer mehr als 20-prozentigen Steigerung der Leistungsfähigkeit.

Angespannte Pflege

Auch der Pflegebereich wird sich in den nächsten Jahren stark ändern. Rund 4,5 Millionen Pflegebedürftige erwartet das Statistische Bundesamt im Jahr 2050, fast eine Verdoppelung der heutigen Zahlen von 2,4 Millionen zu Pflegenden in Deutschland. Nach wie vor werden viele sicherlich zu Hause gepflegt, manche auch in Heimen. Doch daneben werden Wohnformen wie Pflege- und Demenz-Wohngemeinschaften entstehen. Auch die ambulante Tagespflege ist eine Alternative, die zu wenig genutzt wird. Beides senkt die Kosten der Betreuung und erhöht in vielen Fällen die Lebensqualität der Betroffenen.

Viel Aufmerksamkeit hat hingegen die Familienpolitik bekommen. Sie ist wichtig, doch selbst ein deutlicher Anstieg der Geburtenrate wird die demografischen Probleme Deutschlands nicht lösen. Drei Zahlen illustrieren das Problem: 2009 gab es 710.000 Frauen im Alter von 45, aber nur noch 475.000 25-Jährige. Und auch die nächste Generation war da bereits auf der Welt, gerade noch 345.000 fünfjährige Mädchen. Wenn die damals Fünfjährigen erwachsen sind, müssten sie also doppelt so viel Kinder bekommen wie die Frauen zwei Generationen vorher, um die Zahl der Geburten auch nur stabil zu halten. Das ist illusorisch, egal wie gut die Karrierechancen von Frauen und die Kinderbetreuung bis dahin in Deutschland sind.

Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Förderung von Frauen sind eigenständige und wichtige politische Ziele. Den Rückgang der Bevölkerung werden sie nicht aufhalten können. Das aber ist auch nicht notwendig. Demografie ist nicht Schicksal. Schon heute gibt es hunderte von konstruktiven Strategien, mit der Alterung umzugehen. Wir müssen sie nur umsetzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag